Naherholung in der Mongolei

Byambasuren Davaas Spielfilm „Die Höhle des Gelben Hundes“ will reizüberfluteten Städtern Augen und Ohren lüften. Mit dem Falter sprach die Regisseurin über ihr Konzept eines “natürlichen” Kinos.

Natürlich war nicht zu erwarten, dass sie in Nationaltracht auftauchen würde. In einem dieser farbigen Seidenkittel, Deel genannt, die nicht nur die mongolische Familie in ihrem Film trägt, sondern auch sie, die Regisseurin Byambasuren Davaa auf so ziemlich jedem offiziellen Pressebild. Frau Davaa kommt in einem bunten Sommerkleid, die Haare vorn zum glatten Pony geschnitten und hinten fransig, bestellt sich einen Kaffee und spricht, was einen dann doch ein bisschen verdutzt, Deutsch mit hörbar bayerischem Einschlag.
„Was für ein Schmarrn“ es im Grunde sei, sagt sie, dass sich deutsche Reisebuchungen in die Mongolei seit ihrem ersten, damals Oscar-nominierten Film „Die Geschichte vom Weinenden Kamel“ (in gemeinsamer Regie mit Luigi Falorni) verdoppelt hätten. Dass für die Familie aus diesem Film seither kaum ein Tag ohne Touristenbesuch vergangen sei. Weil eigentlich sei es ihr ja genau darum nicht gegangen, die Mongolei auszustellen. Das Thema ihrer Filme sei ja viel universeller: „Respekt vor dem Leben und Respekt vor der Natur“. Und den, sagt sie, könne man sich doch nicht auf einer Urlaubsreise holen. Den müsse man im Alltag erproben. Und vielleicht, dann sei sie schon froh, könnten ihre Filme den Anstoß dazu liefern.

„Die Höhle des Gelben Hundes“, der zweite Film von Byambasuren Davaa, bewegt sich, wie schon „Die Geschichte vom Weinenden Kamel“, irgendwo im Raum zwischen Dokumentarischem und Fiktion, ja fast scheint es, als wolle diese Arbeit nicht nur solche Kategorien vergessen machen, sondern überhaupt, dass es sich um einen Film handelt. Unmerklich schweift Daniel Schönauers Kamera mit den Körpern durch die weite mongolische Steppe. Trotz der Unmittelbarkeit, der Unberechenbarkeit beim Drehen mit Tieren und kleinen Kindern gibt es hier keine Reißschwenks, keine Zooms, nichts, was auf den Apparat der Kamera selbst verweisen könnte. Und ebenso setzt Sarah Clara Weber im Schnitt in fließendem Rhythmus Großaufnahme an Halbnahe an Totale, während die sanfte Panflötenmusik im Hintergrund bald schon als Muzak-Bestanteil der winddurchwehten Landschaft akzeptiert ist. „Die Höhle des Gelben Hundes“ will nicht filmische Lektüre sein, sondern möglichst direktes Erleben. Entsprechend verwendet auch Frau Davaa, wenn sie über ihre Inszenierung spricht, mit Vorliebe Worte wie „vorgefunden“, „einfach“, „natürlich“ und „direkt“.

Dabei hat der Film durchaus eine, wenn auch reduzierte Handlung, die, so Davaa, zum einen von einer Erzählung der Autorin Gantuya Lhagva, zum anderen von den mythischen Geschichten der eigenen Großmutter inspiriert ist: Im Zentrum des Films steht ein Nomadenkind. Nansa heißt es und ist sechs Jahre alt. Als Nansa von ihrer Mutter ins Gebirge geschickt wird, um Schafdung zu sammeln, findet sie in einer Felsritze einen jungen Hund. Hund und Mädchen freunden sich an, doch der Vater will das Tier nicht behalten. Es könnte Wölfe anlocken und so dafür sorgen, dass noch mehr Schafe gerissen werden. Der junge Hund, halb domestiziert, halb wildes Tier, wird durch diese Zuspitzung zum „Malteser Falken“, zum symbolischen Objekt der Geschichte und als solches zunehmend mit mythischer, historischer oder politischer Bedeutung aufgeladen: Ein wiedergeborenes Wesen sei er, erzählt eine alte Frau, vielleicht vormals ein Mensch. Zugleich ein Abfallprodukt der Zivilisation, denn, so vermutet der Vater, wahrscheinlich wurde er ausgesetzt, von anderen Nomaden auf ihrem Wegzug in die Stadt.
Wenn Davaas Film dem Schicksal des Hundes folgt, tut er das fast unmerklich, scheint sich nicht wirklich zu interessieren für allfällige Konflikte. Lieber nimmt er sich Zeit für Arbeitsabläufe des Alltags, zeigt wie eine Ziege gemolken wird, das Auspressen des Rahms mit Hilfe eines alten Wagenrades und schließlich, wie der verdickte Käse mit einem Stück Schnur in Scheiben geschnitten und zum Trocknen an die Decke des Jurtenzeltes gehängt wird. Zeit vergeht. Man arbeitet, um zu essen. Die Welt ist überschaubar: Vater, Mutter und drei Kinder, weit reicht der Blick in die Steppe. Eine klare Welt fern der Zeichenüberflutung eines urbanen Alltags.

Auf die Frage, welche biographische Beziehung sie selbst, zu dieser Landschaft habe, weicht Davaa zunächst ein wenig aus. Vielleicht hat sie sie einfach schon zu oft gehört. „Ich bin in Ulan Bator, der mongolischen Hauptstadt geboren und groß geworden.“, sagt sie, und dann, dass sie mit der Lebensweise der Nomaden dennoch vertraut sei: „In den Sommerferien war es üblich, dass wir raus gefahren sind und mit Nomaden gelebt haben. Diese langen Sommer in der Steppe waren eine ganz natürliche Kindheitserfahrung, die mir erst mit meinem neuen Leben in Deutschland als außergewöhnlich erschienen ist.“
Byambasuren Davaa, Jahrgang 1971, studierte in Ulan Bator Jura und arbeitete nebenher als Regieassistentin und Moderatorin beim staatlichen Fernsehen. Schließlich wechselte sie zur Filmschule. Ein frustrierendes Erlebnis, gab es doch aus Mangel an Gerät und Filmmaterial nur Trockenübungen. „Für so was“, sagt sie, „war meine Ungeduld zu groß. Da habe ich mich nach München, an die Hochschule für Film und Fernsehen beworben. Aus dem einfachen Grund, dass es in Deutschland keine Studiengebühren gibt. Ich bin genommen worden, an der Abteilung für Dokumentarfilm. Mittlerweile lebe ich sechs Jahre hier und dieser Film ist meine praktische Abschlussarbeit an der HFF.“

Während des siebenwöchigen Drehs sei, nach einigen Gewöhnungsschwierigkeiten alles erstaunlich gut gelaufen. Auch im Umgang mit der Filmfamilie, die übrigens im echten Leben Batchuluun mit Nachnamen heißt und wirklich eine Familie ist: „Beim Dreh haben wir versucht, mit der Familie so umzugehen, wie die Nomaden mit der Natur, wenn sie sagen: Wir müssen uns der Natur anpassen. Also haben auch wir gesagt: Wir wollen von der Familie etwas, also müssen auch wir uns an die Familie anpassen. Sie sollen vor der Kamera nichts machen, was sie nicht auch normaler Weise tun.“ Ein bisschen klingt das schon nach der „Legende vom wildgewachsenen Film“, allzu glatt sind die Anschlüsse, zu perfekt, Schuss-Gegenschuss-Konstruktionen. Vor allem drängt sich aber noch eine, die wichtigste Frage diesen Film betreffend, auf. Wohl und glücklich fühlt man sich in seinen heilen Naturlandschaften, mit dieser glücklichen Familie. Aber dient nicht gerade das Herzeigen einer solchen intakten Welt – siehe die Beiträge im ORF-„Universum“ – dem städtischen Publikum als Alibi, mit ihrem, letztlich diese Idylle untergrabenden Lebenswandel fortzufahren? „Das ist die typisch westliche Sicht“, meint dazu Davaa. „Aber man kann es auch anders sehen: Die Mongolen, die meinen Film anschauen, sagen: Oh, das ist ja schön, dass Du zeigst, dass die Nomaden auch Motorrad fahren. Der Gedanke des Aufbewahrens war mir sicher wichtig, weil ich ahne, dass diese Welt so nicht mehr lange existiert. Aber vielleicht ist es ja auch Zeit, dass etwas zu Ende geht? Genau das zu beurteilen, wollte ich mir in meinem Film nicht anmaßen.“

(Erschienen in Falter /05) 

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