Tschak, bumm, grübel-grübel

Logik war gestern: Guy Ritchie inszeniert den britischen Meisterdetektiv in „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“ als cartoonesken Actionclown.

In einer zusehends immer unübersichtlicheren Welt ist ein Mann wie Sherlock Holmes der Held unserer Sehnsüchte. Denn was Sir Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv im Victorianischen Zeitalter vermochte, gelingt heute kaum einem mehr: In den Details des Alltags zu lesen wie in einem Buch. An einem zerbeulten Hut erkennt Holmes den Lebenslauf seines Besitzers (Kurzgeschichte „Der blaue Karfunkel“, 1892). Wer wollte an der Stangenware eines schwedischen Discounters heute ähnliches versuchen?

Das heißt: wollen würden wir schon. Aber jederzeit jede Information auf dem Smartphone verfügbar zu haben, heißt eben noch lange nicht, selbst die Kunst der Wahrnehmung zu beherrschen. Also wurde der Mann mit der karierten Kappe und der emblematisch gebogenen Pfeife stattdessen selbst von der Popkultur aufgesogen: Seine Abenteuer, die Sir Arthur Conan Doyle Ende des 19. Jahrhunderts in einer literarischen Monatszeitschrift veröffentlichte, erscheinen in immer neuen Ausgaben, sind derzeit als Hörbücher besonders beliebt und werden wieder und wieder verfilmt.

Womit wir bei Guy Ritchie wären, Madonnas Ex-Ehemann, der 1998 mit „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ in Großbritannien eine Welle von brachialhumorigen Gangsterfilmen ausgelöst hatte. Auch sein zweiter Sherlock Holmes-Film mit dem Titel „A Game of Shadows“ (Sequel zu „Sherlock Holmes“, 2009), missachtet jeden intellektuellen Appeal, den der exzentrische Detektiv dieser Tage haben könnte. Stattdessen inszeniert Ritchie seinen Star Robert Downey Jr. als exzentrischen Superhelden, dessen Faustschläge und Kung-Fu-Kick-Sprünge mit denselben digitalen „Kawooosh!“-Sounds unterlegt werden, wie seine Geistesblitze: ein bisschen wie die Schwertklingen, die in Martial Arts-Filmen durch die Luft zischen. Während also Downey Jr. im Film stets etwas verloren um sich blickt und unsichtbare Klingen durch die Lautsprecher sausen, müht sich auch die Kamera mit mächtigem Reißzoom- und Fokusaufwand, Gedankenschärfe zu simulieren, wenn der Maestro kombiniert. Allein die Mimik des „Iron Man“-Darstellers straft alle Effekte Lügen. Gegen Downey Jr. wirkte selbst Roger Moore („Sherlock Holmes in New York“, 1976), einer der schwächsten Holmes-Darsteller in einer langen Reihe, wie ein waschechtes Genie.

Die Geschichte von „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“, ein nur lose an Conan Doyle angelehntes Motiv-Mash-Up, ist schnell erzählt: Holmes’ Gegenspieler, der Erzschurke Professor Moriarty (Jared Harris) befehligt eine Armee von Anarchisten, die europaweit Unruhe stiften, mit dem Ziel, Moriarty, der in die Waffenindustrie eingestiegen ist, reiche Gewinne zu bescheren. Auf der Jagd nach Moriarty und seinen Handlangern verbünden sich Holmes und sein Chronist Watson (Jude Law) mit der Klischeezigeunerin Simza, die Noomi Rapace mit Ethnoröcken, Bikerboots und Fedorahut irgendwo zwischen Lara Croft und Indiana Jones ansiedelt. Dieses Trio bewegt sich durch digital ergänzte Tableaus eines London anno 1891. Irgend etwas wirkt hier immer fake, ja fast erwartet man, dass die Landschaften, die dieses 90 Millionen Dollar-Spektakel so stolz ausstellt, sich irgendwann einfach einrollen oder zu Pixeln zerspringen wie damals in „Inception“.

Da mag Robert Downey Jr. die Stirn in Denkerfalten legen, so viel er will: in diesem Potemkinschen Dorf wird er hinter lauter Pixeln keine lesbare Welt entdecken.

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