Apichatpong Weerasethakuls Cannesgewinner „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ erzählt vom Leben, vom Tod und vom Urwald dazwischen.
Als Onkel Boonmee, ein sterbenskranker Bauer, nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus zu Abend isst, erscheint ihm ein Geist. Ganz allmählich materialisiert sich die junge Frau auf der Terrasse, als wäre sie schon länger da gesessen, halb transparent zuerst, dann klarer umrissen. Es ist Boonmees verstorbene Ehefrau, und nach dem ersten Erschrecken bietet ihr der Witwer Tee und Reis an.
Wie anders ist der Umgang dieses Kinos mit seinen Geistern! Im amerikanischen und europäischen Genrefilm werden sie derzeit wieder mit allen technischen Mitteln gejagt und exorziert. In Südostasien freut man sich über die Rückkehr eines geliebten Menschen und fragt, wie es so geht.
Für den 40jährigen thailändischen Filmemacher Apichatpong Weerasethakul, der in Interviews (wie viele asiatische Filmemacher) ganz ironiefrei zu seinem Glauben an das Übersinnliche steht, bedeuten Geister- und Dämonenerscheinungen eine Erweiterung des menschlichen Wesens. In „Tropical Malady“ manifestierte sich die Leidenschaft eines jungen Mannes in einem Tiger-Halbwesen, das im dämmrigen Dschungel Tiere und Menschen riss.
In „Uncle Boonmee“ kehrt Boonmees verlorener Sohn als Affendämon mit rot glühenden Augen zurück in das Haus des Vaters. Auch er ein Opfer seiner Leidenschaften: Zufällig, erzählt der Schwarzbehaarte, sei er im tiefsten Dschungel auf die Spur der Affendämonen gestoßen und habe sich mit einer von ihnen vereinigt. Durch diesen Liebesakt sei auch er zum Halbwesen geworden. Nun, da es mit dem Vater zu Ende geht, kehrt er zurück, um ihm das letzte Geleit zu geben.
Diese Wesen tauchen nicht auf, um jemanden zu erschrecken: Sie sind ein Zeichen paralleler Zeiten und Orte. Die verstorbene Frau, eine Botin der Vergangenheit, reicht dem Sterbenden Boonmee die Hand in seine Zukunft, den Tod.
Das Leben habe eben keinen Anfang und kein Ende, sagte Weerasethakul in einem Interview mit dem Falter, und so sollten auch seine Filme wirken. Darum haben sie keinen Anfang oder platzieren wie „Tropical Malady“ und „Syndromes and a Century“ ihre Titelsequenz mitten im Film.
Der lange Titel des neuen Films, „Loong Boonmee Raleuk Chat“ („Uncle Boonmee who can recall his past Lives“), ist einem in Thailand erschienenen Buch entlehnt, in dem ein Mann die Erinnerung an vergangene Leben aufgeschrieben hat. Um Boonmees vergangene Leben geht es in diesem Film aber gar nicht. Die einzige Vision, die der Onkel hat, ist ein Alptraum von einer zukünftigen Militärdiktatur. Ein eher subtiler Hinweis auf die prekäre politische Lage in Thailand. Expliziter waren die Videostudien, die Weerasethakul im Vorfeld des eigentlichen Spielfilmdrehs anfertigte: „A Letter to Uncle Boonmee“ (2009) und „Phantoms of Nabua“ (2009), beide gedreht im Nordosten Thailands an der Grenze zu Laos, wo das thailändische Militär noch bis in die achtziger Jahre bei so genannten Kommunistenrazzien ganze Ortschaften entvölkerte.
Im aktuellen Spielfilm erwähnt Boonmee nur einmal, dass im Paradies wohl kein Platz für ihn sei. Dafür habe er zu viele Kommunisten getötet und auch zu viele Insekten auf seiner Farm. Als sei das Vergehen das gleiche.
Noch bevor Weerasethakuls „Onkel Boonmee“ in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, erteilte ihm die Viennale den Auftrag für ihren Trailer. Wie alle Filme des Thailänders ist auch die einminütige Arbeit „Enigma“ schwer in Worte zu fassen: Ein Taucher ist zu sehen, eine Tropfsteinhöhle, in der rätselhafte Tentakel aus der Decke wachsen und Schneckenhäuser, die eine Hand im Stroboskoplicht aufhebt.
Der Begriff „primitiv“, unter dem Weerasethakul einmal eine Installationsreihe lancierte, ist für den Filmemacher durchaus positiv besetzt. Das Kino des Thailänders ist primitiv im Sinn von nicht-intellektuell. Doch wenn man seine hypnotischen Bilder spürt, hört, zu riechen meint, ist klar, dass dieser Mann eine Menge von der Welt versteht.