Er inspirierte Generationen Horrorregisseuren: Das Filmmuseum zeigt die Noir-Meisterwerke des Produzenten-Auteurs Val Lewton.
Eine junge Frau sucht ihre Schwester. Mit einem Privatdetektiv folgt sie den letzten Spuren der Vermissten. In einer kleinen New Yorker Pension erfährt sie, dass diese ein Zimmer gemietet hat. Erwartungsvoll bricht sie die Tür auf und findet: einen leeren Raum, einen Stuhl und von der Decke hängend, einen zur Schlinge gebundenen Strick.
„The Seventh Victim“ ist das Meisterstück des Produzenten Val Lewton. 1943 gedreht unter Regie von Mark Robson drückt dieser Film den Nihilismus am deutlichsten aus, der in allen neun RKO-Produktionen Lewtons durchklingt: Jeder ist allein auf der Welt. Freundschaft, Liebe, eine Ehe können die Nähe zu anderen nur simulieren. Der einzige, der uns mit offenen Armen empfängt, ist der Tod.
Val Lewton, geboren als Vladimir Ivan Leventon im ukrainischen Yalta, übersiedelte schon als Kind in die USA. Als junger Mann verdiente er sein Brot als Journalist und Verfasser zahlreicher Groschenromane. Durch Vermittlung seiner Mutter, ebenfalls einer Autorin, heuerte er in den dreißiger Jahren in der MGM-Script-Abteilung an und arbeitete unter Produzenten-Mogul David O. Selznick an Großproduktionen wie „Gone with the Wind“ mit (deren Bombast er verachtete).
Als sich 1942 die Gelegenheit bot, verließ Lewton den dominanten Selznick und wechselte als „head of horror“ zur maroden RKO. Nach dem finanziellen Misserfolg von Orson Welles’ „The Magnificent Ambersons“ wollte man bei RKO mit einer Reihe reißerischer Horrorstoffe schnelles Geld machen. Die RKO verlangte nach Tiermenschen, wie dem damals populären, in der 1941er Universal-Produktion von Lon Chaney verkörperten „Wolf Man“. Die Bosse wollten Zombies, Geister und dazu eine Prise Erotik. Sie diktierten Lewton Filmtitel, aus denen er mit seinen Autoren, einem minimalem Produktionsbudget und einer Drehzeit von zwei bis drei Wochen Horrorhits basteln sollte: „Cat People“ (1942), „The Leopard Man“ (1943), „The Seventh Victim“ (1943), „I walked with a Zombie“ (1943), „The Ghost Ship“ (1943), „The Curse of the Cat People“ (1944), „Isle of the Dead“ (1945), „The Body Snatcher“ (1945) und zuletzt „Bedlam“ (1946).
Um im vorgegebenen Tempo arbeiten zu können, versammelte Lewton eine „Arbeits-Familie“ – Leute, denen er vertraute. Die Regisseure Jacques Tourneur und Robert Wise, damals beide noch No-Names, und den Cutter Mark Robson, den Lewton in seinen letzten drei Produktionen zum Regisseur beförderte. Den Autor DeWitt Bodeen. Den Kameramann Nicholas Musuraca, dessen High-Contrast-Fotografie die Farbe Schwarz zum wichtigsten Ausstattungselement von Lewtons Filmen machte. Und den Komponisten Roy Webb, der unheimliche Szenen gegen die damalige Konvention mit Wiegenliedern oder karibischen Rhythmen unterlegte. Getragen wurde dieses Team von Lewtons kreativer Vision. Jedem Drehbuch gab der „Auteur-Produzent“ selbst noch einmal den letzten Schliff. Er wählte die Darsteller aus und beschrieb im Drehbuch die Sets bis ins kleinste Detail. Beim Dreh selbst war er dafür kaum zu sehen.
Tatsächlich handeln alle Lewton-Filme im weitesten Sinn von Monstern. Doch – im Unterschied zur Konkurrenz bei Universal – ist keines von ihnen je zu sehen. Statt mit den Mini-Budgets von rund 150.000 Dollar pro Film Masken zu basteln, beließ es Lewton in der Andeutung. Am bekanntesten ist wohl die Katzenfrau Irena aus „Cat People“ – kaum mehr als ein Schatten ist von ihrem nächtlichen Alter Ego im Bild, stattdessen zieht sich das Motiv der Katze in Andeutungen durch Dialoge und Ausstattung, sodass es in den Horror-Szenen des Films genügt, der angestachelten Fantasie des Publikums mit Knurren und Fauchen aus dem Off auf die Sprünge zu helfen.
Wie viele Filme Lewtons transportiert auch „Cat People“ einen erotischen Subtext: Erst die Erregung macht die sanfte Irena zum Raubtier – im Grunde geht es um das Tabu des (weiblichen) Orgasmus. Claire Denis setzt dieses Motiv in „Trouble Every Day“ (2001) übrigens doch noch ins Bild, wenn sie Béatrice Dalle als blutüberströmte Lustkillerin inszeniert.
Denis ist nur eine von vielen Regisseuren, die offensichtlich von Lewton inspieriert wurden. William Friedkin, George Romero oder „Pans Labyrinth“-Regisseur Guillermo del Toro gehören zu seinen erklärten Fans. Lewton habe als einer der ersten verstanden, dass Horrorfilme wie dunkle Spiegel für die Seele funktionieren, hat del Toro einmal bemerkt. Lewton weiß, dass das bedrohlichste Monster immer das Monster in uns selbst ist. Fühlt sich der Mensch in die Enge getrieben, durch die Pest wie in „Isle of the Dead“ oder eine Schuld der Vergangenheit wie in „The Body Snatcher“ tritt dieses Monster aus dem Schatten. Autorität und Machtgier heißen die metaphysischen Bestien in „Ghost Ship“ (in dem sich wider die Versprechungen des Titels nichts Übernatürliches ereignet) und „Bedlam“, in dem Boris Karloff als sadistischer Irrenhaus-Wärter zu Hochform aufläuft.
Der Universal-Horror-Star Karloff („Frankenstein“), der Lewton von den Studio-Bossen zunächst gegen seinen Willen aufgedrängt wurde – erwies sich bald als verwandte Seele. Karloff hatte selbst genug von seinen Auftritten in den billigen Monster-Mash-Up-Produktionen der Universal. In der Rolle des durchtriebenen Kutschers John Gray in „The Body Snatcher“ hinderte ihn endlich keine Latex-Maske, sein Talent als Charakterdarsteller zu beweisen.
(Erschienen in Falter /09)