Von Debütanten lernen

Im Band “Dokumentarfilm. Werkstattberichte“ erzählen neun Berliner Debütregisseure auf erfrischend direkte Art von Pannen, Pech und Pleiten, und dem Glück des ersten Films.

Bücher über Dokumentarfilm gibt es reichlich. Darunter solche, in denen renommierte Filmemacher in Essayform die eigene Arbeit reflektieren, andere, in denen sie Interviews geben, oder Bände, in denen sich Filmtheoretiker mit dem Thema befassen.
Ein Buch wie das vorliegende gibt es nach Kenntnis der Rezensentin allerdings noch nicht. Umso schöner, dass es jetzt vorliegt. Denn „Dokumentarfilm. Werkstattberichte“ nähert sich dem Thema auf erfrischend unhierarchische Weise.
Neun junge Regiestudentinnen und –studenten der Berliner dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie) erzählen hier von ihren Erfahrungen mit dem ersten Dokumentarfilm. Von gescheiterten ersten Ideen, von Protagonisten, die unterwegs absprangen, von intimen Glücksmomenten während des Drehs oder schlaflosen Wochen im Schneideraum. Ohne Eitelkeit listen sie dabei Produktionspatzer auf, bereuen im Nachhinein, die eine, wichtige Drehgenehmigung nicht eingeholt oder die Rechte für die paar Sekunden TV-Geflacker im Hintergrund nicht gleich geklärt zu haben. Andere geben im Anhang praktische Tipps bis hin zu Telefonnummern tendenziell ankaufswilliger Dokumentarfilmredakteurinnen bei WDR, 3sat oder arte – die Damen werden sich über den Ansturm freuen.

Was die Gruppe der neun eint, ist ihr Professor, der bekannte deutsche Dokumentarfilmregisseur Andres Veiel („Die Spielwütigen“, „Der Kick“), der gemeinsam mit Béatrice Ottersbach auch als Herausgeber des Bandes fungiert. Die Filmstudenten, die Veiel drei Jahre lang betreute, firmieren mittlerweile als Gruppe „super neun“, deren Markenzeichen ein sehr persönlicher dokumentarischer Ansatz ist: Viele der Filme nehmen ihren Ausgang in der Familiengeschichte oder im nächsten privaten Umfeld der Regisseure.

Bis auf einen (im Buch dennoch beschriebenen) „Papiertiger“, feierten alle Projekte mittlerweile Premiere. Darunter zwei Filme mit besonders klarer Handschrift: „Drifter“ von Sebastian Heidinger und „Sollbruchstelle“ von Eva Stotz, der unter anderem bei der Viennale 2008 zu sehen war.

Eva Stotz’ „Sollbruchstelle“ ist ein kluger Essayfilm über die ethische Entwertung der Arbeit in Deutschland. In ihrem Drehtagebuch schildert die Regisseurin den schwierigen Formfindungsprozess für ein so weit gefasste Thema: „“Sollbruchstelle“ sträubte sich lange dagegen, ein Film zu werden. Ich kämpfte zwei Jahre mit den Puzzlestücken, bis sie sich endlich gefügig zeigten und in Form legten. Die grundlegende Schwierigkeit: Der Protagonist war zugleich mein Vater.“ Angedachte Spielszenen verwarf Stotz noch vor Drehbeginn und fuhr stattdessen „mit offenen Augen durch Berlin“. Am Ende ihres Textes zieht sie das sympathische Resümme, alles was man brauche, damit einem die Realität Perlen schenke, sei: „bereites Team, bereite Technik, offenes Herz und der Rest ist Lücke für den Zufall.“

Ähnlich erging es Heidinger, der mit einem alten VW-Bus mit Cordsofas vor dem Bahnhof Zoo Quartier bezog, um zur dortigen Drogen- und Stricherszene Kontakt zu finden. Die Protagonisten suchten schließlich ihn auf, nicht umgekehrt, und wurden in langen Gesprächen auch über formale Fragen in den Prozess des Filmemachens einbezogen.

Natürlich ist es eine Binsenweißheit, dass für jede in einem Dokumentarfilm enthaltene Szene mindestens ein Dutzend angedachter, vielleicht sogar gedrehter, aber nicht hineinmontierter Szenen steht. Das Schöne an „Dokumentarfilm. Werkstattberichte“ ist jedoch, dass der Band zeigt, dass auch die scheinbar klarste filmische Sprache tatsächlich auf einem Ausschlussprozess basiert. Nach Ende der Lektüre hat man den Eindruck, dass gerade das, was in einem Film am Ende gar nicht vorkommt, die Bilder überlagern und prägen kann wie ein altes, weises Phantom.

Andres Veiel, Béatrice Ottersbach (Hg.)
Dokumentarfilm
Werkstattberichte
1. Auflage
2008, 280 Seiten, br., Abb.: 52 fb., 51 sw.
ISBN 978-3-86764-085-5
EUR 19,90 / CHF 35,90
(Praxis Film, Band 42)

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