In “Geschichtsästhetik und Affektpolitik” beleuchtet der Wiener Filmwissenschaftler Drehli Robnik die mediale Karriere der Symbolfigur Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Das Bemerkenswerte an “Valkyrie” war, dass nach all dem medialen Bahö, das vor allem in Deutschland um Hollywoods Neuverfilmung des Stauffenberg-Attentats veranstaltet wurde, tatsächlich so wenig bemerkenswert war, an Brian Singers Film.
Die Inszenierung zeigt sich ökonomisch und konventionell, der Hauptdarsteller, Tom Cruise, zurückhaltend. Kaum einmal lässt er sein Superstar-Lächeln flashen, als müsse er sparsam umgehen mit seinen Reizen. Die historische Ereignisfolge wird in “Valkyrie” abgehakt, von Stauffenbergs Kriegsverwundung 1943 in Nordafrika, die ihn einen Unterarm, zwei Finger der verbliebenen Hand und das linke Auge kostete, bis zu seinem kolportierten Ausruf “Es lebe das heilige Deutschland!”, kurz vor der Erschießung nach dem missglückten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944.
Vielleicht war die Erwartungshaltung gegenüber Brian Singers Film ja auch deshalb so gespannt, weil dessen Start ständig aufgeschoben wurde. Sicher kein leichtes Warten für den Wiener Filmwissenschaftler und langjährigen Falterautor Drehli Robnik, der an einem Band über Stauffenberg als Figur medialer Wahrnehmung schrieb, mit dem Ziel, diesen parallel zum Film erscheinen zu lassen. Noch kurz vor Weihnachten standen weder Starttermin noch Pressevorführung fest. Anfang Februar 2009 erschien schließlich “Geschichtsästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948-2008″. Und in gewisser Weise hat sich der Prozess des Wartens dem Buch eingeschrieben.
“Geschichtsästhetik und Affektpolitik” ist ein Kompendium unermesslichen Detailwissens, wie es sich nur über einen längeren Zeitraum und vermutlich nur mit Hilfe des Internets ansammeln lässt. Unter der Devise “everything connects”, stellt Robnik schon mal Querverbindungen her zwischen Stauffenbergs Augenklappe, der Film- und Medienpirateriedebatte und den aktuellen Piratenübergriffen vor Somalia. Eine Assoziationsfolge, die mit Station bei den “Pirates of the Carribean” schließlich mit den Edelweißpiraten wieder beim Thema Widerstand landet.
Wenn Robnik diverse 20. Juli-Verfilmungen seit 1948 interpretatorisch aber auch anekdotisch durchwandert, geht es ihm darum, zu zeigen “wie Stauffenberg und der 20. Juli durch marginale Filme und durch Marginalien größerer Filme geistern (…) Es geht um deren Geschichtsbild, nicht zuletzt im Foucault’schen Sinn der genealogischen Interpretation als Bemächtigung, die Historie ins Zeichen nicht der Kontinuität von Gedächtnis, sondern von Parodie, Possenspiel und Maskierung stellt, als Trödelmarkt der Identitäten.”
Apropos Maskierung – schon im Eingangskapitel spricht Robnik selbst die Tatsache an, dass viele der Filme zum 20. Juli ähnlich klingende Titel tragen: Und tatsächlich lassen sich Singers “Valkyrie”, “Der 20. Juli” (Falk Harnack, 1955), “Es geschah am 20. Juli” (Georg Wilhelm Pabst, 1955), “Claus Graf Stauffenberg: Porträt eines Attentäters” (Rudolf Nussgruber, 1968), “Stauffenberg” (Jo Baier, 2004) oder “Operation Valkyrie: The Stauffenberg Plot to Kill Hitler” (Jean-Pierre Isbouts, 2008) namentlich schnell verwechseln. Leider wurde versäumt einer solchen, potentiellen Irritation mit einer Filmographie im Anhang – mit Jahreszahlen, Alternativtiteln und Credits – abzuhelfen, sodass man sich beim Lesen gelegentlich im Heer von Stauffenbergs medialen Widergängern verliert.
Aber vielleicht ist dieses Sich-Verlieren im Widerschein der Abbildungen ja auch System. Drehli Robnik über Singers “Valkyrie”: “Der Film, dem gängiges Anti-Hollywood-Ressentiment gern vorwirft, er käme arrogant und in Sachen Geschichte ignorant daher, erweist sich als derjenige Film zum 20. Juli, der Geschichte “am genauesten kennt”: die des 20. Juli (…), vor allem aber die Geschichte von Vorgängerfilmen, aus denen “Valkyrie” zahllose Details, reevaluiert und eingewoben in ein paranoides Bild-Netz, wiederkehren lässt: “Valkyrie” retroaktiviert die Geschichte der “Juli”-Filme, der früheren Filme von Singer, die des Kinos insgesamt. Das ist ganz normal.”
Drehli Robnik
Geschichtsästhetik und Affektpolitik
Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948-2008
238 S. , 16 x 24 cm, ca. EUR 24,-
Paperback
ISBN 978-3-85132-557-7, 2009