„Filmemachen ohne Filmkritik: Das wäre wie Einrad-Fahren“

Das Linzer Filmfestival Crossing Europe widmet den französisch-schweizer Regisseuren Lionel Baier und Ursula Meier ein gemeinsames Tribute. Neben frühen Kurzfilmen und dokumentarischen Arbeiten sind darin auch die aktuellen, in Rotterdam und Cannes uraufgeführten Spielfilme der beiden zu sehen: Baiers “Un autre Homme” und Meiers “Home” – zwei Werke, die sich in Sachen Seltsamkeit durchaus das Wasser reichen können.

“Un autre Homme” ist das satirische Porträt zweier Filmkritiker: François, Neo-Autor einer Provinzzeitung, und seiner etablierten Kollegin Rosa Rouge (gespielt von Baiers Lieblingsdarstellerin Natacha Koutchoumov), die ihn bald intellektuell und erotisch dominiert. In die Trivia-Sammlung der Filmkritik wird “Un autre Homme” wohl als Film mit der Blow-Job-im-Pressscreening-Szene eingehen.

Ursula Meiers „Home“ inszeniert in mächtigen Tableaus ein anarchisch-ausgelassenes Familienglück am Rande einer nie zu Ende gebauten Autobahn. Und die Vertreibung aus diesem Paradies, als eines Tages doch noch die Bagger und Teermaschinen kommen.
Wie Tatis „Playtime“ oder Faraldos „Themroc“ verdichtet Meier die Absurdität der modernen Existenz zum Raum-Plan-Spiel. Wo eine technisierte Umwelt den Menschen abstößt, muss dieser erst Recht mit Witz und Schläue parieren. Als Nachbild des Films bleibt eine strubbelige Isabelle Huppert, mit Rollschuhen und Hockeyschläger auf einem endlosen Band aus Asphalt.
Maya McKechneay hat Lionel Baier am Rande des Internationalen Filmfestivals Rotterdam getroffen.

Herr Baier, Ursula Meier und Sie arbeiten nicht nur immer wieder zusammen, Sie sind auch befreundet: Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Das war 2002, als das Schweizer Fernsehen eine Dokumentarfilm-Serie über die Schweiz in Auftrag gab: Dazu gehörte Ursulas Pas les Flics, Pas les Noirs, pas les Blancs (Dokumentation über ein interkulturelles Projekt der Genfer Polizei, Anm.), meine Dokumentation La Parade (über die Vorbereitungen der Gay-Pride 2001 im Wallis, Anm.) und Helvetia.doc, ein Film von Jean-Stephane Bron über das Schweizer Parlament. Wir haben gleichzeitig gedreht, und Ursula und ich haben uns entschlossen, aus unseren Fernsehbeiträgen Kinofilme zu machen. Autour de Pinget, Ursulas Film über Robert Pinget (Schweizer Romanautor, Anm.), und ihre Kurzfilme, Tous à table und Le Sang du Isaac hatte ich schon gesehen und wusste: Das Mädchen ist interessant, die will ich kennen lernen.

Waren Sie damals Teil einer Schweizer Filmgruppe?

Nein. Und das Gefühl habe ich auch heute nicht; ich fühle mich nicht mal als Teil der Schweizer Filmindustrie … Dafür verbindet mich eine enge Freundschaft mit Ursula und Jean-Stephane. Wir besprechen unsere Projekte miteinander und können uns austauschen, ohne dass wir uns gegenseitig in unserer Kreativität behindern. Das ist umso interessanter, als wir ganz unterschiedliche Filme machen.

Aber Sie leben mittlerweile in verschiedenen Städten, Sie in Paris und Ursula Meier in Brüssel …

Das macht nichts: Wir telefonieren alle zwei Tage über Skype, und die Städte liegen nur eine Zugstunde auseinander. Außerdem wird Ursula im Frühjahr anfangen an der Kunsthochschule Lausanne zu unterrichten, an der Filmabteilung, die ich leite – auf die Art werden wir uns wieder öfter sehen.

Haben Sie eigentlich selbst an der Filmhochschule Lausanne studiert?

Nein, ich habe im Unterschied zu Ursula nie eine Filmschule besucht. Insofern war es schon seltsam für mich, als man mir diesen Job anbot und ich zum ersten Mal eine Filmschule betrat … mir erst mal überlegen musste, was man dort wohl lernt, wie die Stundenpläne aussehen könnten. Ich habe den Job damals angenommen, weil ich ein unkonventionelles, nicht-akademisches Unterrichtskonzept ausprobieren wollte; eine Art Workshop für Filmemacher.

Welchen Stellenwert nimmt die Filmhochschule Lausanne in der Schweiz ein?

Es gibt zwei große Filmhochschulen in der Schweiz: Lausanne für die Romandie und Zürich für die deutschsprachigen Studenten. An der Kunsthochschule Lausanne gibt es ungefähr 500 Studierende, davon 50 bis 60 im Fach Film. Sechs verlassen durchschnittlich pro Jahr mit Diplom die Schule.

Was haben Sie selbst eigentlich studiert?

Die französische Literatur des Mittelalters.

Wie François, die Hauptfigur in “Un autre Homme”?

Genau. Später kam dann noch Filmtheorie, Filmgeschichte und Filmkritik dazu. Ich wollte dezidiert nicht auf eine Filmhochschule. Die Vorstellung, jahrelang mit Leuten zusammen zu hocken, die nur übers Filmemachen reden, hat mich abgeschreckt. Ich habe ja auch noch andere Interessen. Die wollte ich vorher entwickeln, habe aber während meines Studiums schon als Regieassistent für Richard Dindo oder Jacqueline Veuve gearbeitet.

Das heißt, Sie wussten schon früh, dass Sie Regisseur werden wollen?

Ja, das wollte ich schon immer. Nur wusste ich nicht so genau, wie ich es anstellen soll. In den frühen neunziger Jahren habe ich das kleine Kino Rex in der Nähe meines Heimatortes programmiert. Damals habe ich Regisseure eingeladen, ihre Filme in unserem Cine-Club zu präsentieren – auch, um sie auf die Art kennen zu lernen. Meinen ersten „Filmjob“ habe ich bei Jacqueline Veuve bekommen. Sie brauchte damals jemanden für eine Recherche.
Ich glaube überhaupt, Dokumentarfilm ist ein guter Einstieg. Man arbeitet mit einer kleinen Crew. Die Leute sind zugänglicher. Man begreift schneller als bei einem Spielfilm, worum es geht, und kann sich ins Team integrieren.

Um auf François, den Filmkritiker in Ihrem neuen Film Un autre homme zurück zu kommen. Als Berufsgenosse ist er für mich natürlich interessant. Mir scheint, als Autor und Filmemacher stehen Sie dieser Figur nicht gerade wohlwollend gegenüber.

Finden Sie? Dabei ist meine eigene Annäherung an das Kino großteils über Filmkritiken passiert. Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen …

Wo genau?

… Nahe dem Neuenburger See, im Kanton Vaud. Das ist in der Nordschweiz. Jedenfalls gab es in der Gegend nur ein einziges Kino, das ausschließlich amerikanische Blockbuster spielte. Keine europäischen Filme oder Autorenfilme. Mein erster Zugang zu einem „anderen“ Kino fand also durch die Kritiken statt, die ich in der Zeitung lesen konnte. Durch diese Lektüre habe ich viel über das Filmemachen gelernt. Manche Kritiker, wie Serge Daney oder Jean-Luis Comolli, sind für mich als Einflüsse mindestens ebenso wichtig wie Regisseure. Manche Regisseure wiederum, die ich bewundere, waren früher Filmkritiker: Truffaut oder Rohmer.

Sie selbst haben nie Filmkritiken geschrieben?

Nein. Dafür bin ich zu emotional. Ich glaube auch, dass es mehr Mut erfordert, Kritiken zu schreiben, als Filme zu machen.

Ist das Ihr Ernst? Ich glaube, so eine Aussage wird man so schnell von keinem anderen Regisseur hören …

Doch, wirklich! Als Filmemacher macht man eine persönliche Aussage, da ist die Position klar. Als Filmkritiker muss man erst seine eigene Position, seine Haltung klären gegenüber Material, das von anderen kommt. Dazu muss man oft Dinge verstehen, die vielleicht nicht mal der Filmemacher selbst wahrgenommen hat; einen Kontext herstellen. Insofern braucht man – auf intellektuellem Level – mehr Mut als zum Filmemachen.

Wie geht es Ihnen denn mit den Filmkritiken zu Ihren eigenen Filmen? Ist es schon vorgekommen, dass Ihnen ein Text Neues über den eigenen Film gesagt hat?

Aber ja. Ich mag die neuen Assoziationen, die sich durch Kritiken auftun. Da verbindet sich plötzlich etwas – dieser Film, zum Beispiel, mein Film – hat zu tun mit diesem Buch, diesem Kunstwerk, diesem anderen Film. Es öffnen sich Zusammenhänge, ein neuer Sinn entsteht. Filmemachen ohne Filmkritik: Das wäre wie Einrad-Fahren. Um wirklich vorwärts zu kommen, braucht das eine Rad der Filmindustrie das zweite der Filmkritik.

Wenn ich an die Kritiker-Figuren in ihrem Film denke, bin ich überrascht, dass Sie das so sehen …

Ich für mich würde sowieso nicht sagen, dass Un autre homme ein Film über Kritiker ist. Vielleicht ein Film über verschiedene Positionen der Kritik. Und er spielt im Kritiker-Milieu. Es gibt diese zwei Positionen: François, der nur die Haltung anderer kopiert. Und Rosa Rouge, eine Kritikerin, die zwar klug ist, aber das Kino nicht liebt. Der Kritiker, den ich am meisten schätze, kommt im Film als Person gar nicht vor. Es ist der Verfasser jener Texte in der Zeitschrift Travelling, die François immer abschreibt.

In der Schweiz ist “Un autre homme” gerade gestartet: Wie wurde der Film von der Filmkritik aufgenommen?

Das ist eigenartig. Ich glaube, viele Kritiker mögen ihre Kollegen nicht. Sie verachten die eigene Profession. Dieser Eindruck hat sich durch die Art, wie der Film besprochen wurde, bei mir verstärkt. Manche Filmkritiker scheinen zu glauben, dass sie die einzigen sind, die auf Seiten der Filmemacher stehen, die einzigen, die ihre Arbeiten wirklich verstehen.

Sie meinen: Filmkritiker, die lieber Regisseure wären? Seltsam. In Österreich spüre ich eher eine unsichtbare Trennlinie zwischen Machern und Kritikern …

Das ist natürlich auch schade! In den siebziger Jahren beispielsweise gab es eine wirklich enge Verbindung zwischen den Schweizer Filmemachern und den Kritikern – damals erreichte das Schweizer Filmschaffen einen Höhepunkt, auch aufgrund der hohen Diskursqualität. Heute liegt auch in der Schweiz zwischen Regisseuren und Kritikern eine Art Kluft. Das scheint mir unnatürlich und auch problematisch. Was mich als Filmemacher betrifft: Ich erwarte von einem Kritiker nicht, dass er etwas Nettes über meinen Film sagt. Was ich mir erhoffe, ist, dass er eine intelligente Aussage dazu trifft, egal ob positiv oder negativ. Am liebsten sind mir die Kritiken, an deren Ende ich immer noch nicht weiß, ob der Autor meinen Film mag oder nicht. Weil es um etwas ganz anderes geht.

Mich persönlich interessiert die Auseinandersetzung mit einem Film meistens auch mehr als die Bewertung. Aber die Leser fordern ein Urteil, die wollen vor allem wissen, ob ein Film sehenswert ist oder nicht. Da unterliegt man als Kritikerin auch einem Sachzwang.

In einem kleinen Land wie der Schweiz kommt zu diesen Komplikationen noch dazu, dass jeder im Filmgeschäft jeden kennt. Ich kenne die Kritiker. Die Kritiker kennen mich. Da kommt es schon mal zu Verwechslungen zwischen mir und meinem Werk. Einige Kritiker wollten zum Beispiel nicht über meinen zweiten Film Garçon Stupide schreiben, weil sie mich mögen, aber nicht den Film. So etwas finde ich kindisch. Ich werde doch niemandem übel nehmen, dass er meinen Film nicht mag. Viel schlimmer ist es für mich, wenn mein Film in einer Zeitung überhaupt nicht vorkommt.

Ich würde mit Ihnen gern noch über die Schweizer Filmfinanzierung sprechen. Wie ist die aufgebaut?

Da ist einmal unsere Landesförderstelle, das Bundesamt für Kultur, das Filmemacher aus der gesamten Schweiz unterstützt. Die Filmsektion des BAK hat jährlich rund 16 Millionen Franken (10,8 Millionen Euro, Anm.). Die zweite wichtige Finanzierungsquelle ist natürlich das Schweizer Fernsehen, jeweils die französisch- oder deutschsprachigen Sender. Es gibt aber wiederum einen Topf von Fernsehgeldern für die Gesamtschweiz – für landesweite Projekte. Dann gibt es noch eine ursprünglich von Filmemachern ins Leben gerufene Filmstiftung in Zürich, die große Summen in einer Mischung aus privaten und öffentlichen Geldern bereitstellt.

Die Französisch-Schweizer haben darauf mit einem eigenen Fonds reagiert: RegioFilm. Dieser Fonds speist sich aus Kantons-Geldern und den Einnahmen der Nationallotterie. Dieses Geld wird in einem Topf für die französische Schweiz zusammengezogen. Vorher hatte jeder einzelne Kanton eine kleine Summe Geld, mit der man nicht wirklich etwas anfangen konnte. Durch das neue Projekt werden größere Projekte möglich. Dann ist da noch ein relativ neues Fördermodell, Succès Cinéma, das den nationalen Erfolg auf der Leinwand belohnt. Für jede in der Schweiz verkaufte Eintrittskarte gibt der Staat einen Franken dazu. Die Gesamtsumme wird bei Einreichung eines neuen Projektes frei.
In der Schweiz ist es sowieso üblich, Filme, zumal Spielfilme, als Koproduktion mit anderen Ländern zu produzieren.

“Un autre Homme” ist aber ausschließlich aus Schweizer Mitteln finanziert?

Das ist ein Ausnahmefall. Der ist mit wirklich kleinem Budget gedreht. Wenn man alle Fördermöglichkeiten in der Schweiz ausschöpft, kommt man auf maximal zwei Millionen Schweizer Franken. Das ist nicht viel. Meine vorhergehenden Filme Comme des Voleurs und Garçon Stupide waren beide Koproduktionen. Das gleiche gilt für die Spielfilme von Ursula. Das hat natürlich noch andere Gründe als die Finanzierung der Produktion: Man will vielleicht Techniker oder Schauspieler aus Frankreich einsetzen und dem Film damit auch gleich bessere Chancen auf einen Kinostart in Frankreich geben. Frankreich ist natürlich unser größter Markt.

Für den Sie als Schweizer Filmemacher in Paris die bessere Startposition haben.

Auf jeden Fall.

Robert Boner, der Produzent all ihrer Spielfilme, ist ebenfalls ein Schweizer, der in Frankreich lebt …

Ja. Er war mit der französischen Schauspielerin und Regisseurin Christine Pascal verheiratet. Deswegen lebt er in Paris, hat aber eine Produktionsfirma in Frankreich und eine in der Schweiz. Ursulas Pas les flics, pas les noirs, pas les blancs hat er zum Beispiel auch produziert.

Das heißt Sie schneiden ihre Filme in …

… Paris derzeit. Die Cutterin ist auch Französin.

Und pendeln für ihren Filmhochschuljob immer wieder nach Lausanne?

Ja. Ich habe ein System, im Zug zu arbeiten. In dreieinhalb Stunden kann ich lesen, schreiben, auf meinem Laptop einen Film ansehen. Ich glaube übrigens, dass es viele Filmemacher so machen. Im Zug trifft man viele Leute. Jean Luc Godard zum Beispiel, den seh’ ich manchmal im Zug zwischen Lausanne und Paris.

Ich habe gerade überlegt: In Ihren Filmen kommen trotzdem kaum Züge vor.

Stimmt. Es gibt nur zwei sehr kurze Zugszenen. Ich sollte in Zukunft definitiv mehr in Zügen drehen. Wir Schweizer lieben nämlich Züge. Das wäre bestimmt ein Erfolgsrezept (lacht).

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Lionel Baier, Jahrgang 1975, dreht seit den neunziger Jahren Filme und leitet seit 2002 die Filmabteilung der Kunsthochschule ECAL in Lausanne. Gemeinsam mit den befreundeten Regiekollegen Ursula Meier, die in seinen Filmen immer wieder kleinere Rollen spielt, und Jean-Stéphane Bron (“Mais im Budeshuus”) gilt er als Galionsfigur einer jungen welsch-schweizer Filmszene.

Filme: Mignon à croquer (1999, KF), Celui au pasteur (ma vision personelle des choses) (2000, Dok), Mon père, c’est un lion (2002, KF, Dok), La Parade (notre histoire) (2001, Dok), Garçon stupide (2004), Comme des Voleurs (2006), Continuité nationale (2007, KF), Un autre Homme (2008)

Ursula Meier, 1971 in Besançon (Frankreich) als Kind eines französisch-schweizerischen Elternpaares geboren, studierte am Institut des Arts de Diffusion, Belgien. Ihr dortiger Abschlussfilm, “Le songe d’Isaac”, wurde 1994 für einen Kurzfilm-Oscar nominiert.

Filme:
Le Songe d’Isaac (1994, KF), Des Heures sans Sommeil (1998, KF), Autour de Pinget (2000, KF), Pas les Flics, pas les Noirs, pas les Blancs (2001, Dok), Des Épaules Solides (2002), Home (2008)

(Das Interview erscheint in Kolik.Film Nr. 11, Frühjahr 2009)

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