Was wurde eigentlich aus dem Asien-Horror-Hype? Zehn Jahre nach „Ringu“ sind lange schwarze Haare Out. Dafür rumort es ordentlich in der Trickkiste kleinerer Länder Südostasiens.
Das asiatische Horrorkino? Natürlich gibt es das nicht. Asien ist groß und umfasst Länder mit völlig unterschiedlichen Filmkulturen: die Massenproduktionsstätte Indien im Süden. Die Philippinen mit ihrer gerade erblühenden, experimentellen Filmkultur im Südosten. Oder im Osten die Filmnationen Südkorea und Japan, die das westliche Kino auf dem Horrorsektor immer wieder mit hochwertigen Produktionen versorgen. In diesen Ländern entstehen Filme, die sich schwer auf einen Nenner bringen lassen.
So gestand der philippinische Filmkritiker Noel Vera in der Festivalzeitschrift des Internationalen Filmfestivals Rotterdam 2009 zum Festivalschwerpunkt „asiatischen Horrorkino“ zunächst seine Ratlosigkeit. Statt Aussagen formulierte er Fragen und Relativierungen: „Ist der Glaube an Geister in Asien stärker verbreitet? Ja – dennoch verhalten sich Asiaten im Alltag besonders rational. Ist die asiatische Kultur offener für die Idee des Übernatürlichen? Ja – gleichzeitig ist sie technischen Neuerungen gegenüber besonders aufgeschlossen. Sind asiatische Horrorfilme Hollywood überlegen? Ja – meistens. Aber viele asiatische Filme sind ursprünglich von Hollywood inspiriert.“
Einige Merkmale verbinden die unheimlichen Filme Asiens aber vielleicht doch. Eines davon: Das asiatische Publikum wie das Gros der Regisseure glaubt wirklich an das Übernatürliche als festen Bestandteil des Alltags. Auch darum sind viele der Geisterfilme aus asiatischen Ländern im Alltag geerdet. Sie finden in einer modernen, urbanen Umgebung statt, und flüchten nicht, wie die Mehrzahl der westlichen Genrebeispiele an einen Ort außerhalb der Zivilisation („Teenager – Auto –Panne im Wald“).
Der japanische Geisterfilm „Dark Water“ („Honogurai mizu no soko kara“) zerrte schon 2002 das Haunted House-Genre aus den gotischen Gewölben und verpflanzte es in die moderne Großstadt Tokyo. In Hideo Nakatas Inszenierung bedrohen die unheimlichen Vorgänge in einem heruntergekommenen Apartmenthaus eine allein erziehende Mutter und ihre kleine Tochter.
Der Hong Kong-Chinese Lee Kwong-Yiu, der sich seit seinem Studium in New York David Lee nennt, knüpft mit seinem Spielfilmdebüt an den Sozialbauhorror an. Die Geistergroteske „Yes, I can see dead People“ (2007) spielt ebenfalls in einem bröckeligen Apartmenthaus, dessen lange, schlecht beleuchtete Betongänge die Erinnerung an ganz alltägliche Angst-Räume wachruft. „Yes, I can see dead people“ erzählt in flashigen Rückblenden von einer Selbstmordserie, die in diesem Haus stattfand, und zeigt anschließend die Toten, die noch immer in den Fluren kauern und an den Opfergaben nagen, die ihre Verwandten vor die Tür stellen. Ähnlich der westlichen Mythologie sind diese Geister ruhelos, weil ihre letzten Wünsche unerfüllt blieben. Körperlos geworden, nehmen sie Besitz von jenen Objekten, gegen die sie einen Groll hegen. Mit einem sozialkritischen Augenzwinkern führt Lee dabei das schöne Motiv der von einem Rachegeist besessenen Dollarnote ein.
Lee, der sein Handwerk als Regieassistent von Tsui Hark lernte, spielt routiniert mit den Konventionen des Spukhaus-Genres: prekäre Kamerawinkel, expressive Beleuchtung à la Dario Argento, sowie ein Score, der an Carpenters „Halloween“ erinnert. Allerdings verhindert das Wechselbad von Slapstick und Horror, dass hier wirklich Angst aufkommt.
Wer auf der Suche nach dem Unheimlichen ist, wird von der „Nightmare Detective“-Reihe des Japaners Shinya Tsukamoto sicher besser bedient. Tsukamoto, der 1989 mit der apokalyptisch-extravaganten Rockphantasie „Tetsuo“ bekannt wurde, schlägt in „Nightmare Detective“ („Akumu Tantei “, 2006) und „Nightmare Detective 2“ („Akumu Tantei 2 “, 2008) ruhigere Töne an. Der japanische Jungstar Ryuhei Matsuda spielt darin einen jungen Introvert, der die Fähigkeit besitzt, in die Träume andere Menschen einzudringen. Ein Talent, von dem er nur ungern Gebrauch macht, hat er doch genug mit eigenen Depressionen zu kämpfen. Ein schwarzes Regencape hängt ihm traurig um die Schultern wie die strähnigen Haare um das schmale Gesicht; und eigentlich will er selbst nichts anderes als tot sein. Nur zum Sterben fehlt diesem Helden die Energie.
Tsukamotos Film wechselt zwischen der realen Kulisse einer kalten, farbentleerten Großstadt und der imposanten Welt der Träume: Wie David Lynch scheint diesen Regisseur ein direkter Draht mit dem Unterbewusstsein zu verbinden. Viele der Traumbilder wirken seltsam bekannt, und ähnlich „Mulholland Drive“ verliert man irgendwann den Boden der Realität unter den Füßen. Analog zu diesem Gefühl zeigt Tsukamoto den Nightmare Detective in seinem Cape in einem blaugrauen Meer versinken. Die Dimensionen verschwimmen. Und bald ist sein Körper nur mehr ein winziger Punkt auf der Leinwand.
Im ersten Teil hat sich Tsukamoto selbst ein Cameo beschert: Der Regisseur spielt „0“, einen Lebensmüden, der per Mobiltelefon Kontakt zu anderen Lebensmüden sucht, um sich gemeinsam mit ihnen zu töten – und dabei eine seltsame, paranormale Fähigkeit in sich entdeckt.
Gekonnt inszeniert Tsukamoto die typischen städtischen Angsträume als Räume des manifesten Terrors: In einem einsamen Fahrradkeller beginnt sämtliches Metall zu scheppern. Ein unsichtbar tobendes Etwas verfolgt eine junge Frau über eine einsame Überführung. Die Müllverbrennungsanlage eines Miethauses wird für spielende Kinder zur Falle. Und natürlich gebärdet sich immer wieder als Angstraum Nummer 1: die Aufzugskabine. Seine Effekte setzt Tsukamoto gezielt und für asiatische Verhältnisse sparsam ein: Mal zittert die Kamera vor Angst. Mal durchbricht ein Blutfleck grellrot die farbige Enthaltsamkeit .
Auf einem sehr subtilen Level besitzt die „Nightmare Detective“-Reihe natürlich auch Humor. Denn was anders ist schon der Alptraum-Detektiv als ein Psychoanalytiker? Eine Art In-Joke in diesem Zusammenhang die Szene, in der der Held eine junge Träumerin an der Hand nimmt und sanft fortführt von einem berghohen, vaginaförmigen Schlund. Freud hätte seinen Spaß gehabt.
Aber, talking of Lynch-alikes: Noch etwas surrealer geht es in „Forbidden Door“ („Pinto Terlarang“) zu. Horrorfilm mag man diese zweite Regiearbeit des indonesischen Filmkritikers und Regisseurs Joko Anwar eigentlich nicht nennen. Vielmehr handelt es sich um ein Verwirrspiel mit Abbildung und Objekt: Gambir, ein Bildhauer, der auf Bronzeplastiken schwangerer Frauen spezialisiert ist, verdankt seinen Ruhm einem dunklen Geheimnis. In jedem der kugelrunden Bäuche eingeschweißt liegt ein echter Fötus, den der Künstler gegen ein Trinkgeld am Hinterausgang der Abtreibungsklinik bekommt. Die Darstellung entspricht auf abgründige Weise dem Dargestellten.
Doch das ist erst der Anfang. Das klassische Sujet der Statue als Körperversteck – das die Kinogeschichte von Michael Curtiz’ „Mystery of the Wax Museum“ (1933) bis zum „House of Wax“ (2005) durchzieht – dient Joko Anwar nur als Startrampe für ein medienbewusstes Vexierspiel.
Gambir wird Mitglied in einem elitären Herrenclub, in dem man sich auf Monitoren durch Live-Aufnahmen von Misshandlungs- und Selbstverstümmelungsszenarien zappt. Ebenso fasziniert wie abgestoßen, beschließt der Künstler, einen kleinen Jungen, der in den Videos von seinen Eltern gequält wird, vor dem Tod zu retten. Die Suche nach dessen Aufenthaltsort ist ein Rennen gegen die Zeit. Bis Gambir eines Tages wirklich vor der verbotenen Türe steht, jener Tür, die ins Reich der Folterszenarien führt. Doch so klar, wie er dachte, ist die Grenze zwischen Konsumenten und Snuff-Darstellern nicht gezogen.
„Forbidden Door“, der gerade in Rotterdam Premiere feierte, ist eine echte Entdeckung. Elegant inszeniert, unerwartet und so ganz gegen das Klischee: Das Unheimliche untergräbt hier in eine Upperclass-Welt der pastellfarbenen Interieurs, Sektempfänge und Vernissagen. Keine alten Dachbodentüren knarren, kein langhaarigen Dämonen treten auf. Nur das brackig dunkle Wasser, das unheilverkündend aus dem Hahn quillt, kennt man aus Nakatas’ „Dark Water“.
Wie eingangs angedeutet, kopiert nicht nur Hollywood Asiens Geisterfilme in unzähligen Remakes. Auch asiatische Filmemacher sind inspiriert von aktuellen Horrortrends wie dem „Saw“-Zyklus. Paul Agustas „Anniversary Gift“ („Kado Hari Jadi“, 2008) kombiniert Elemente des Rape Revenge-Films mit den Folterszenarien aus „Saw“. Mit dem Unterschied, dass die Verletzungsmaschinen hier von grotesker Schlichtheit sind: Ein Mann, gefesselt an einen Stuhl, in einem stockdunklen Raum. Ein spitzer Bleistift in Gesichtshöhe fixiert. Zappelt der Mann beim Versuch, sich zu befreien, durchbohrt er sich selbst das Auge. Agusta, Jahrgang 1980, studierte in den USA und arbeitete nach seiner Rückkehr in Indonesien als Filmkritiker und Festivalkurator, bevor er mit „Anniversary Gift“ seinen ersten Low-Low-Budgetfilm realisierte. Die mit minimalen Mitteln im vollständig leeren Raum inszenierten Rituale der Grausamkeit erinnern an die Aktionen eines Rudolf Schwarzkogler; es ist klar, dass Agusta den Spagat zwischen Horror und Kunstaktion versucht. In seinem Beharren auf dem voraussehbaren, stumpfen Verletzungsablauf bleibt „The Anniversary Gift“ dennoch mühsame Kost.
Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und wenn die These dieses Textes lautete, dass der asiatische Horrorfilm seine Angstszenarien mit Vorliebe in alltäglicher Kulisse entwirft, so ist Pil-Sung Yims bonbonfarbene Märchenextravaganza „Hensel & Gretel“ die schillerndste Abweichung, die man derzeit findet.
Wie der Titel schon sagt, ist „Hansel & Gretel“ (2007) eine filmische Variation auf das Märchen der Brüder Grimm. Pil-Sung Yim und sein Ausstatter Ryu Seong-Hee (der auch an „The Host“ mitarbeitete) kreieren dabei eine phantastische Parallelwelt, deren Bildsprache von Terry Gilliam, Jan Svankmajer, Tim Burton und Guillermo del Toro, aber auch von aktuellen Phantasy-Produktionen wie der „Narnia“-Trilogie geprägt ist.
Nach einem Autounfall tappt ein junger Mann mit brummendem Kopf, orientierungslos durch den Wald. In dunkler Nacht wird er von einem Mädchen mit rotem Cape und Laterne aufgelesen; ein seltsam seelig lächelndes Kind, das ihn in ein Haus führt, wo er von einer scheinbar makellos properen Familie aufgenommen wird. Doch das Paradies entpuppt sich als Hölle, in deren Zentrum Kinder Erwachsene im Ofen verheizen. „Hansel & Gretel“ betört auch und vor allem durch seine exzentrische Ausstattung und aufwändige Studioarchitektur, die unter anderem einen endlosen Dachboden entwirft.
„Dark Water“, „Nightmare Detective“ und „Hansel & Gretel“ sind bereits auf DVD erhältlich. Mit einer baldigen Veröffentlichung der anderen Titel ist zu rechnen. Das Umschalten auf Regionalcode 3 lohnt sich …