Aufnahmen der Durchquerung – Buchbesprechung

Tina Kaiser, die Autorin des vorliegenden Bandes, liebt langsame Filme. Filme, deren Wahrnehmung im Schlenderschritt stattfindet, wie Jim Jarmuschs „Permanent Vacation“ oder Angela Schanelecs „Marseille“.

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Ihre Diplomarbeit schrieb Kaiser über „Flaneure im Film“, und ihr neues Buch „Aufnahmen der Durchquerung“ basiert nun auf der Dissertation, die das Flanieren ein paar Schritte weiterdenkt, zum Beispiel in Richtung filmischer Inszenierung.
Dabei wechselt Kaiser elegant zwischen eigenen Beobachtungen im Kino oder auch im ganz realen Stadtraum und ihrer dissertations-gemäß umfangreichen wissenschaftlichen Lektüre: vorwiegend wahrnehmungsästhetischen Schriften, Texten aus dem Umkreis der Situationisten, von Medientheoretikern wie Friedrich Kittler, Soziologen wie Richard Sennett oder aus der Feder so genannter Pop-Theoretiker wie Diederich Diederichsen oder Tom Holert.

Immer wieder interessieren Kaiser vordergründig schlichte, fürs Kino jedoch essentielle Fragen wie: Kann Kino ohne körperliche Bewegung vor der Kamera stattfinden? – „Man sieht einen Film, ein Laufbild und es stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch eine Bewegung sehen muss“, schreibt Kaiser und fährt, bezugnehmend auf die Figur des Allie Parker aus „Permanent Vacation“, fort: „Ob Parker gehen muss – im performativen Sinne der Bedeutung? Oder ob Film als bewegte Bilderfolge auch mit Parkers Herumstehen auf der Straße zu seinem Recht kommt? Ob der Film folglich genau wie die Warholschen Standbildfilme funktionieren könnte?“

Kaisers Argumentation legt dabei nahe, dass Weniger im Kino mehr sein kann: weniger Tempo, vor allem auch weniger Plot: „Die gängige Filmrezeption konzentriert sich noch allzu sehr auf Narration und Handlungsmuster. Die Fahrtaufnahmen gelten in dieser Sichtweise lediglich als verzögernde Filmmomente, die das eigentliche Geschehen temporär aufhalten, bevor sich die Story weiter fortsetzen kann. Dabei lässt sich zeigen, dass gerade in diesen Momenten suspendierter Handlung das spezifisch Filmische am Bild zu seinem Recht kommt.“

Am schönsten ist Kaisers Buch in jenen Passagen, die auf Konkretes, auf Filmszenen oder Alltagsbeobachtungen Bezug nehmen. Etwas spröde fällt dagegen der theoretische Teil aus, der die Grundlagen zur transitorischen Bewegung im (urbanen) Raum mit dissertationsgerechter Gründlichkeit aufarbeitet. Mag sein, dass die Lektüre einiger Kapitel länger dauert als der Rest. Aber wahrscheinlich ist Geschwindigkeit sowieso keine Kategorie: „Racecar spelled backwards means racecar“, ist laut Kaiser die Quintessenz des Bandes.

Aufnahmen der Durchquerung
Das Transitorische im Film
Tina Hedwig Kaiser
2008, 230 S., kart., zahlr. Abb., 27,80 €
ISBN 978-3-89942-931-2

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