Mit Wettbewerbspreisen an den Iran, Korea und die Türkei ging das Filmfestival Rotterdam zu Ende. Auf dem CineMart sorgte Lance Weilers interaktives Filmprojekt „Him“ für Aufsehen.
Mit der im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück gegangenen Besucherzahl von 341.000 (2008: 355.000) ging am 1. Februar das 38. Internationale Filmfestival Rotterdam zu Ende. Rutger Wolfson, der nach einer Interimsbestellung im Vorjahr heuer erstmals als Vollzeit-Direktor mit Vierjahresvertrag agierte, zeigte sich dennoch zufrieden. Tatsächlich funktionierte sein Konzept der Zusammenfassung unterschiedlicher Genres gut: Statt wie bisher neun Programmschienen gab es beim diesjährigen IFFR nur noch drei: Bright Future (für Newcomer), Spectrum (für die Arbeiten bereits etablierter Filmemacher) und Signals (für Themenreihen). Innerhalb dieser Schienen waren Kurzfilme ebenso wie lange Arbeiten und Installationen in Museen und im öffentlichen Raum zu sehen. Auf jeden Fall machte es die neue Aufteilung leichter, sich im ziegeldicken Katalog zurechtzufinden.
Nach wie vor erfreut sich das IFFR gleichermaßen des Zuspruchs internationaler Fachbesucher (heuer 2.128) wie auch des heimischen Publikums: Dessen Favoriten spiegelten sich im Ergebnis des Zuschauer-Votings. Neben Danny Boyles „Slumdog Millionaire“, der auch den Preis der Jugendjury erhielt, lag die neuseeländisch-deutsche Koproduktion „The Strength of Water“ (Regie: Armagan Ballantyne, CineMart 2002) ganz vorne. Beim Tiger-Wettbewerb, in dem heuer 14 Filme junger Regisseure antraten, ging „The Strength of Water“ allerdings leer aus: Allzu sehr verlässt sich die junge Regisseurin auf landschaftliche Schauwerte und die arthaus-stereotype Inszenierung eines rührseligen Plots.
![]() |
Die mit jeweils 15.000 Euro dotierten VPRO-Tiger-Awards gingen an Filme aus dem Iran, aus Süd Korea und der Türkei: „Be Calm and Count to Seven“ („Aram bash va ta haft beshmar“) von Ramtin Lavafipour, „Breathless“ („Ddongpari“) by Yang Ik-June und „Wrong Rosary“ („Uzak Ihtimal“) von Mahmut Fazil Coskun.
Während sich das iranische Schmugglerdrama in seiner poetischen Bildsprache an die Altmeister des iranischen Kinos, Kiarostami und Makhmalbaf, anlehnt, gehört „Breathless“ zwar dem in Korea beliebten Genre des Gangsterfilms an, spielt dieses jedoch auf ungewöhnlich direkte und gewalttätige Art durch. Erst als sich die Hauptfigur, ein vom Regisseur selbst gespielter Geldeintreiber, verliebt, wagt sie den Ausbruch aus dem Kreis der Gewalt. Und geht dabei spektakulär zu Grunde. Nicht weniger fatalistisch: Der türkische Siegerfilm, „Wrong Rosary“, der in dialogarmen Szenen von der unmöglichen Liebe eines Imams zu einer katholischen Nonne erzählt.
Den FIPRESCI-Preis der Filmkritik erhielt das farbenfrohe Langfilmdebüt des indonesischen Regisseurs Edwin, „Blind Pig wants to Fly“ („Babi buta yang ingin terbang“), ein CineMart-Projekt aus dem Jahr 2008.
Von den 36 heuer vorgestellten CineMart-Projekten erfuhr vor allem das Cross-Media-Projekt „Him“ des Regisseurs und Produzenten Lance Weiler (Ceise the Media, US) große mediale Aufmerksamkeit und wurde mit dem Arte France Cinéma Award (10.000 Euro) ausgezeichnet. Weilers Konzept sieht vor, die Handlung eines Paranoiathrillers vom Kinosaal auf ein Online-Spiel und Handy-Applikationen auszudehnen, wobei die User den Verlauf mitsteuern können. Fast scheint es, als sei David Finchers „The Game“ in der Realität angekommen.
Der bereits länger angekündigte IFFR-Ortswechsel in ein neues Mehrsaalzentrum in Hafennähe ist aufgrund der angespannten Wirtschaftslage vorerst ausgesetzt. Zumindest die kommende Ausgabe, so Wolfson, werde vom 27. Januar bis 7. Februar 2010 noch in den angestammten Locations in der Rotterdamer Innenstadt stattfinden.
(Artikel erschienen in Blickpunkt:Film)
