Omi, Opa, Hakenkreuz

In „The End of the Neubacher Project“ setzt sich Marcus J. Carney mit dem Nazi-Erbe seiner Familie auseinander. Die Diskussion über Selbstverständnis und Scham der Dritten Generation ist eröffnet.

OMI_OPA_BALKON_small.jpg

Auf Marcus Carneys Home page zum Film, neubacherproject.com, kann man sich Fotos herunter laden. Videostills, aber auch Schwarzweißfotos, die als Zeitdokumente im Film vorkommen. Eines zeigt eine kleine Gruppe auf einem Balkon. Die Männer tragen NSDAP-Parteiabzeichen und Uniformen verschiedener Dienstgrade, in der Mitte steht eingehakt und lächelnd ein Brautpaar. Es ist aber weniger die Hochzeitsszene, die das Bild dominiert, als vielmehr die überdimensionale Hakenkreuzfahne, die von der Balustrade flattert. OMI_OPA_BALKON.jpg ist die Fotodatei benannt.

„Ein familiäres Projekt ist nie abgeschlossen“, sagt Regisseur Marcus J. Carney, dessen Film „The End of the Neubacher Project“ mit der Geschichte der Familie mütterlicherseits auch Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten in Österreich dokumentiert. „Ich habe den Film als Filmstudent begonnen. Damals hab ich mich auf eine Art Selbstsuche begeben, die weiter gefasst war, weil ich eben aus dieser Familie komme. Zu der Zeit habe ich es als problematisch empfunden, der Großneffe von Hermann Neubacher (1938-1940 unter den Nationalsozialisten Bürgermeister von Wien, Anm.) zu sein. Ich habe mich geschämt für das, was dieser Name repräsentiert hat. Eine Art Schuldgefühl. Ich hab mich gefragt: Woher kommt das?“

Wie viele Um-Die-Dreißigjährige in Österreich und Deutschland, stammt auch Marcus J. Carney in mittlerweile Dritter Generation aus einer Familie mit NSDAP-Hintergrund. Auf alten Aufnahmen ist sein Großonkel, Hermann Neubacher, zu sehen, wie er Arthur Seyß-Inquart die Hand schüttelt, neben Adolf Hitler für die Kamera posiert oder sich im Lainzer Tiergarten gemeinsam mit Reichsforstmeister Hermann Göring für die Jagd bereit macht. Das Lainzer Gelände stand damals unter Verwaltung von Carneys Großvater Eberhard Neubacher, der dort Staatsjagten für prominente Parteimitglieder organisierte. Die Flinte, die Göring dem Großvater zum Dank schenkte, besitzt heute Carneys Onkel. In „The End of the Neubacher Project“ sieht man den Sechzigjährigen mit dem Erbstück Hasen schießen. Die emblematischen Bilder der Hasenjagd kehren in Carneys Film immer wieder: der Versuch des Tieres, zu entkommen, die Rotte der Jagdhunde, der Schuss, das letzte Zittern vor dem Tod.

Der jagende Onkel war früher seine „positive männliche Bezugsperson“, sagt Carney. Wenn er nun diesen Onkel filmt, wie er die Göring-Flinte anlegt oder vor einer geweihgeschmückten Wand auf Fragen Antwort gibt, ist Vertrautheit zwischen beiden zu spüren. Wie aber mit dieser Vertrautheit umgehen, wenn der Onkel Sätze sagt wie: „Das Judenproblem war nie ein Problem für uns“? Oder die Ermordung von sechs Millionen implizit leugnet: „So viel Juden hat’s doch gar nicht gegeben im europäischen Raum. Das ist ein einfaches Rechenbeispiel“?
Carney hat sich dafür entschieden, selbst im Film aufzutreten. Die eigene Zerrissenheit, die Scham, das Leiden an der Familiengeschichte zu thematisieren. Da ist einerseits die erst im Kontext verständliche, ungeduldige Art, mit der er seinen Verwandten begegnet. Der kindlich anmutende Trotz, mit dem er deren „Schweigekultur“ (Carney) durchbrechen will. Und da ist andererseits der Off-Kommentar, den der Regisseur selbst einspricht, und der bewusst nicht in der Muttersprache Deutsch, sondern in Englisch, der Sprache des Vaters, gehalten ist: „Das Englische ist ein Distanzierungsmechanismus“, sagt Carney. „In der Montage hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, meine Rollen zu verhandeln: Als Sohn, als Erzähler, als Regisseur. Ich bin in dem Film ja auch jemand, der in seine eigene Geschichte hinein gesogen wird. Dabei verändert sich meine eigene Position, an einen fixen Erzählstandpunkt konnte ich mich sowieso nicht klammern.“

Als Carney, damals noch Michael-Haneke-Student, vor acht Jahren mit dem Drehen begann, war er in doppelter Hinsicht Pionier. Vorbilder für jene intimen Familienporträts, die mittlerweile ein eigenes Video-Genre bilden (in Österreich zum Beispiel: „Exile Family Movie“ von Arash), gab es noch nicht. Vor allem aber gab es keine dokumentarische Annäherung an all die NSDAP-Wählerinnen und Wähler, die braunen Funktionäre, Mitläufer und Arisierungsprofiteure – zumal nicht aus persönlicher Perspektive.
Erst jetzt, wo der Großteil dieser Generation tot ist, beginnt die kritische Auseinandersetzung mit deren Vermächtnis. Die beiden Salzburger Regisseurinnen Jo Schmeiser und Simone Bader präsentierten auf der letzten Diagonale ihre hochspannende, halbstündige Interviewsammlung „Väter-Täter. NS und Shoah im Leben der Täter-Nachkommen“. Von der eigenen familiären Vergangenheit unheimlich berührt stellen sich darin Nachkommen die Frage: Wie stark prägen mich die braunen Wurzeln?

moerder_staudte.jpg

Im Kino ist die Beschäftigung mit dem Erbe der Schuld selten. Dabei trug der erste deutschsprachige Kinofilm nach dem Krieg noch den programmatischen Titel: „Die Mörder sind unter uns“ (Sowjetisch Besetzte Zone 1946, Regie: Wolfgang Staudte). Doch bald folgte der Paradigmenwechsel. Es fiel leichter, Opfergeschichten zu erzählen und sich mit Widerstandshelden zu identifizieren, als die Täterrolle aufzuarbeiten. Man wollte sich erinnern. Aber man wollte auch: Normalität. Dabei ist es im deutschen wie im österreichischen Kino bis heute weit gehend geblieben. Deutsche Jungstars leihen in Historienfilmen Verfolgten und Widerstandskämpferinnen ihr Gesicht und eigenen sich so deren Geschichte an. Die andere Geschichte, der „Mainstream“ von damals, verkroch sich derweil mit den Erzählungen von Eltern und Großeltern auf dem heimischen Sofa. Sofern überhaupt über die Zeit nach 38 gesprochen wurde. Marcus Carney gebührt das Verdienst, eine solche Privat-Historie, stellvertretend für viele, öffentlich gemacht zu haben. „The End of the Neubacher Project“ ist ein Film über den Konflikt zwischen kindlicher Liebe und erwachsenem Unrechtsbewusstsein. Ein Film über den Versuch, mit den Wurzeln der eigenen Familie auch die politische Vergangenheit Österreichs zu begreifen. Ein Versuch, der immer Projekt bleibt.

Comments are closed.