In „No Country for Old Men“, schicken die Coens ein Bolzenschussgerät auf die Jagd nach einem blutigen Koffer. Ein Höhepunkt im Werk der Brüder Seltsam.
Ein einsamer Cowboy in der Prärie. Von einer Anhöhe blickt er in die Ferne und sieht – ja was? Einen Planwagenkreis, nach dem Überfall von Indianern? Beinahe, aber nicht ganz. Er sieht einen Kreis von Jeeps, die tatsächlich überfallen wurden. Er sieht eine Wagenladung Heroin, verblutende Kampfhunde und stöhnende mexikanische Dealer. In einem Koffer voll Hundert-Dollar-Noten sieht er aber vor allem seine Chance, sehr schnell sehr reich zu werden. Der Cowboy, der gar kein Cowboy ist, sondern ein heruntergekommener Trailerpark-Redneck, packt den Koffer und haut ab.
Mit diesem Einstieg klärt sich der Titel des neuen Films von Joel und Ethan Coen, „No Country for Old Men“, praktisch von allein. Denn natürlich wird Llewelyn Moss (Josh Brolin) mit dem Griff nach dem Geld zum Gejagten. Sein Jäger ist Chigurh (sprich: Sugar, Xavier Bardem), ein psychopathischer Berufskiller mit Bolzenschussgerät, und die Verfolgung des einen durch den anderen Mann, an deren Fersen sich wiederum ein Dritter und Vierter heften, zieht sich praktisch durch den ganzen Film. Ein ziemlich gewöhnlicher dramaturgischer Einfall – wären es nicht die Coens, die diese Jagd inszenieren.
Mit unbändiger Freude nehmen die Brüder den Topos der Verfolgungsjagd auseinander, um ihn fasziniert von der Mechanik, Rädchen für Rädchen neu zusammenzusetzen. Als Erzähler verpflichten sich die Coens seit ihrem Debüt, „Blood Simple“, dem Handwerk. Je absurder das große Plotgebäude, desto penibler die Logik im Detail. Wenn Mister Moss den Dealern in einen Fluss entkommt, schicken ihm die Coens einen Mastino hinterher. Eine gefühlte Ewigkeit treibt die Kamera mit den beiden durch die Stromschnellen, Schuss, Gegenschuss, fast schon hat das geifernde Kampfhundegebiss den Menschenkopf erreicht – als einem klar wird, dass hier gerade einer der ältesten Kino-Topoi, die Verfolgungsjagd, neu erfunden worden ist.
Zum ersten Mal haben die Coens mit „No Country for Old Men“ eine literarische Vorlage adaptiert. Aus dem gleichnamigen Roman von Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy wählen sie bewusst stereotype Film-Schauplätze aus, wie sie sie auch in ihrem eigenen Oevre bevorzugen: Die mythische Weite der texanischen Prärie, den Trailerpark, in dem Moss mit seiner jungen Frau (Kelly Macdonald) lebt, oder das Motel, in dem er sich versteckt, führt die Kamera gerade lang genug in Totalen vor, um Genre-Erwartungen zu wecken. Western, Sozialdrama, Horrorfilm erwartet man an diesen Orten. Die Coens zeigen ein Extrakt aus den dreien: eine nimmer endende Jagd nach Leben und Geld.
Dabei werfen die Brüder ihren Killer immer wieder wie einen Brandsatz in die friedlichen Locations. In einer Kleinstadtapotheke fackelt der verwundete Chigurh auf dem Weg zu Mullbinden und Jod nicht lang. Roger Deakins, Stammkameramann der Coens, filmt splitterndes Glas und stürzende Regale mit kurzer Brennweite, und macht den irr gewordenen Alltag so zum Berühren plastisch. Chigurh selbst, den Schurken mit der Kleinkind-Frisur, stilisiert die Kamera in Untersicht zur Ikone des Bösen. Xavier Bardem könnte Richard Kiels „Beißer“ (aus der Bond-Serie) mit dieser Rolle den Rang als fiesester Camp-Killer ablaufen. Tommy Lee Jones verleiht dem Film als grüblerischer Sheriff Voice-Over und Seele. Josh Brolin schwitzt als Kofferdieb rechtschaffen in sein Jeanshemd, während Woody Harrelsons Schatzjäger lächelnd taktiert.
Nach zwei halbgaren Genreausflügen, „Intolerable Cruelty“ und „Ladykillers“, sind die Coens wieder ganz auf alter Höhe. Und mehr als das: „No Country“ ist vielleicht ihr bester Film.
“No Country for Old Men” wurde mit dem Oscar für den Besten Film und für die Beste Regie ausgezeichnet. Xavier Bardem erhielt den Oscar für die Beste Nebenrolle.