Das Kinojahr fängt gut an: In „Yella“ erzählt Christian Petzold den Kapitalismus als Geistergeschichte – unheimlich, präzise und mit der tollen Nina Hoss in der Hauptrolle.
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„Wenn Gespenster Menschen werden möchten, dann sind sie immer Protagonisten einer Tragödie“. Christian Petzold hat diesen Satz mal gesagt. Damals meinte er Wolfgang Grams, den ehemaligen RAF-Terroristen, der als Songwriter vor die Medien trat.
Die Idee der „Gespenster“ beschäftigt Petzold schon lang. Sein erster großer Kinoerfolg, „Die Innere Sicherheit“ (2000), der vom Nachbeben der Terrorbewegung RAF handelt, trug ursprünglich diesen Arbeitstitel. Fünf Jahre später kam dann wirklich „Gespenster“ ins Kino, ein Film, der von „Menschen erzählt, die aus der Geschichte fallen, in Zwischenreichen vegetieren,“ so Petzold. „Yella“ ist nun der dritte Teil dieser Trilogie des In Between. Ein Film, den man schwer nacherzählen kann, ohne die Pointe zu verraten. Und der erste der drei, in dem der Begriff des Gespenst im klassischen Sinn konkret wird.
Nina Hoss spielt eine Frau um die 30. Yella heißt sie, und in der ersten Szene sitzt sie in einem Zug. Sie kommt von einem Bewerbungsgespräch, und fährt nach Hause, in eine Kleinstadt, zu ihrem Vater. Yella ist frisch getrennt von ihrem gewalttätigen Ehemann, aber das erfährt man nur nebenbei.
Christian Petzold filmt Hoss, die mit durchgestrecktem Rücken eine Straße langgeht. Ein Mann folgt ihr, macht ihr eine Liebeserklärung. Sagt ihr, wie er sie vermisst. Yella blickt stur geradeaus. Dann plötzlich schaut sie ihn an. Er könne jetzt wieder den gegenüberliegenden Gehweg benutzen, sagt sie. Die Baustelle auf der anderen Seite sei ja nun vorbei. Dreht sich wieder nach vorn und geht eiligen Schritts davon.
Christian Petzolds Filme brauchen nichts zu erklären. Eine Geste, die Art, wie jemand schaut, eine Bluse wechselt oder ein Stück Wäsche aufhängt, genügt. Das ist das Schöne an ihnen. Noch schöner wird es, wenn Nina Hoss mitspielt. Petzold besetzt sie gerne in der Rolle der einsamen Kühlen, einer Drifterin mit Geheimnis: In „Toter Mann“ (2002) und „Wolfsburg“ (2003), und nun – mit dunkel gefärbtem Pferdeschwanz – als „Yella“, ihrer bisher komplexesten Figur.
Yella hat mir ihrem alten Leben abgeschlossen. Sie will in Hannover neu beginnen. Ein Flugzeugteile-Hersteller hat ihr für die Probezeit zugesagt. Sie hat sich ein Hotelzimmer genommen, weil eine Probezeit nur ein Vielleicht bedeutet. Alles ist vage, Yella bleibt in Bewegung. Sie fährt mit dem Auto, dem Zug, eilt lautlos über die Teppichböden von Firma und Hotel.
Den Job verliert sie, bevor sie ihn hat. Die Firma ist pleite. Im Hotel trifft sie Philipp, der Risikokapital-Verhandlungen führt und dabei in die eigene Tasche arbeitet. Als Bonnie und Clyde des Turbo-Kapitalismus fahren die beiden im Firmen Audi durch ein anonymes Deutschland, von einem Hotel, von einem Glasbüro zum gleichförmigen nächsten. Die Zeit scheint stillzustehen, wäre da nicht die sanfte Liebe, die zwischen Philipp und Yella wächst.
Wie in den ersten beiden Filmen der „Gespenster“-Trilogie hat Petzold auch für „Yella“ mit seinem ehemaligen Dozenten an der DFFB Berlin, Harun Farocki, zusammengearbeitet. Dessen Dokumentarfilm „Nicht ohne Risiko“ (2004) über die Sprach- und Körpercodes während einer Risikokapital-Verhandlung dürfte für die Büroszenen in „Yella“ Pate gestanden haben. Man stelle sich aber Farockis nüchternen Blick auf die Abläufe am Verhandlungstisch gepaart vor mit der Symbolversessenheit eines Alfred Hitchcock und der traumwandlerischen Stimmung in Herk Harveys „Carnival of Souls“ (1962) – erst dann entsteht eine vage Idee von Petzolds „Yella“.
In die chronologisch erzählte Handlung schieben sich allmählich visuelle und akustische Störgeräusche, kleine Inszenierungsfehler, wie auch Hitchcock sie einbaute, um seine Zuseher zu verwirren. Selbst auf tagelangen Reisen wechselt Yella nicht die Kleidung. Gelegentlich kommt der Ton abhanden, ihr und uns, ein Gurgeln, ein Krähenschrei, Yellas Gehör in unseren Ohren – und das mitten im Büro. Dann wieder machen Echos, Doppelgänger und Wiederholungen auf sich aufmerksam. Identische Sätze fallen in verschiedenen Kontexten. Handgriffe, Gesten, Großaufnahmen, die es irgendwo am Beginn des Films schon gab, wiederholen sich und bilden eine Kette sublimer Déjà Vus.
Solche Vexierspiele kennt man aus der Literatur der Romantik. E.T.A. Hoffmann und Zeitgenossen demonstrierten an der Schwelle zur Industrialisierung, mit mäandernden Erzählungen von Doppelgängern und hypnotischen Räuschen gegen die Banalisierung der Welt. In ihren Träumen erobern sich die Romanhelden der Romantik die mythische Bedeutung der Dingwelt zurück. Bei Petzold liegt die Sache anders. Zwar ist die Welt noch materialistisch, doch die Substanz bleibt heute unsichtbar. Und so zeichnet „Yella“ zwischen Glaswänden und auf weichen Teppichböden den Kapitalismus als Traum einer Toten, das Leben selbst dagegen als romantisches Fanal. In einer Welt kommen beide – Kapitalismus und Leben – so nicht zusammen.
Es gab übrigens noch einen, der den Begriff des Gespenstes liebte. „Ein Gespenst geht um in Europa“, schrieb 1867 Karl Marx, „das Gespenst des Kommunismus.“ „Wenn Gespenster Menschen werden möchten “, könnte man Marx mit Petzold erwidern, „dann sind sie immer Protagonisten einer Tragödie“. Aber diesen Satz hatten wir irgendwo schon mal gelesen.
(Erschienen in Falter 01/08)
