Ein Gespräch mit Filmemacher und Schauspieler Andrew Bujalski.
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„Hätte John Cassavetes ein Drehbuch von Eric Rohmer verfilmt, das Ergebnis würde ausgesehen und geklungen haben wie „Mutual Appreciation“ “, formuliert, hymnisch wie selten, das Branchenblatt Variety, während die Internet-Kritikplattform Rotten Tomatoes glatte 100 Prozent vergibt. Nach zwei Spielfilmen, „Funny Ha Ha“ (2002) und „Mutual Appreciation“ (2005), in denen Andrew Bujalski als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller fungierte, gilt der 31jährige als die große neue Auteur-Hoffnung des US-Indie-Kinos. Nichtsdestotrotz hat Bujalski, der ein wenig aussieht wie der junge Alan Ginsberg in „Pull my Daisy“, nach wie vor mit der Finanzierung seiner Filme zu kämpfen. Neben der Arbeit an einem neuen Spielfilmprojekt unterrichtet er derzeit Produktion an der Boston University.
Maya McKechneay: Herr Bujalski, Sie haben bisher zwei Spielfilme gedreht. Die Hauptdarsteller beider Filme sind im „wirklichen Leben“ auch im Kunstumfeld aktiv, als Experimentalfilmemacherin, wie Kate Dollenmayer aus„Funny Ha Ha“, oder als Musiker, wie Justin Rice aus „Mutual Appreciation“. Bewegen Sie und Ihr Team sich eigentlich in einer Art „Kunstszene“?
Andrew Bujalski: So würde ich das nicht sagen, das sind einfach Leute, die ich kenne. Die halbe Besetzung von „Mutual Appreciation“ besteht aus Filmemachern, einige sind Musiker. Dahinter steckt keine Absicht. Es gibt sogar in beiden Filmen Darsteller, die im realen Leben ganz normalen Berufen nachgehen. (lacht)
„Mutual Appreciation“ spielt im Indie-Band-Umfeld, man sieht Justin bei Radiointerviews, bei Bandproben, Auftritten. Die Songs, die er vorträgt hat er selbst geschrieben, einige stammen aus dem Repertoire seiner Band Bishop Allen. Mich würde trotzdem interessieren, wie sehr andere Kunstformen, wie die Musik, ihre Arbeit als Filmemacher beeinflussen?
Ich glaube, andere Kunstformen sind für einen selbst immer interessanter als die eigene. Wenn ich einen Filmemacher sehe, habe ich das Gefühl, ich sehe mich selbst. Wenn ich dagegen einen Musiker filme, ist das etwas Neues. Die Tatsache, dass Justin Musiker ist, war für mich eine aufregende Arbeitsgrundlage. Eine meiner Lieblingsszenen ist die erste gemeinsame Probe zwischen Justin und dem Drummer, die funktionierte beim Dreh wie ein improvisiertes Gespräch auf musikalischer und verbaler Ebene. – Der Drummer ist übrigens ein Freund von mir, der im Moment so ein Einmann-Band-Ding durchzieht, bei dem er sich selbst mit Schlagzeug und Gitarre aufnimmt und loopt (Kevin Micka tourt derzeit unter dem Namen Animal Hospital, Anm.). Justin und er hatten tatsächlich noch nie vorher zusammengespielt.
Nehmen wir den Dialog, der sich an dieser Stelle entspinnt. Justin erklärt dem Drummer, wie er sich dessen Begleit-Job vorstellt: “The emphasis is not on … eh …. supercool drumming.” Stehen solche Sätze im Script?
Naja, ich kenne Justin und seine Band-Philosophie. Er liebt das Einfache, Schlichte. Es gab schon Dialoge im Drehbuch, in denen ich mich auf seine Vorliebe für stromlinienförmige Musik bezogen habe. Ich mag es, Gefundenes mit Geplantem zu verbinden, was wohl auch auf meine Ausbildung (als Undergraduate in Harvard, Anm.) zurückzuführen ist.Dort gab es einen Fokus aufs Dokumentarische, obwohl man natürlich auch Spielfilme drehen konnte, wenn man wollte. Aber man näherte sich dem Spielfilm sozusagen von dokumentarischer Seite.
Sind in Ihrem jetzigen Team Studienkollegen von damals? Ihr Kameramann zum Beispiel, hat der auch in Harvard studiert?
Nein. Der ist ja Österreicher. Er kommt aus Wien. Und ich habe ihn erst im Jahr 2000 bei großen Stück Schokoladentorte in Los Angeles kennen gelernt. Matthias (Matthias Grunsky, Anm.) ist der perfekte Kameramann für meine Art des Filmemachens. Er hat ein immenses technisches Wissen, kennt jedes Filmmaterial, jede Kamera, und ist extrem organisiert. Trotzdem stellt er sein Ego völlig in den Dienst des Films. Das ist eine seltene Sache. Matthias hat in beiden Filmen fast jede Einstellung frei über die Schulter gefilmt.
Wessen Entscheidung war es, die Filme auf 16mm zu drehen?
Das war mir von Anfang an klar. Dieses Format kannte ich, mit 16mm haben wir an der Filmschule gelernt. – Wir haben ja beide Filme auch am analogen Schneidetisch geschnitten. So, wie ich es gewohnt war.
Gibt es nicht auch Abläufe während des Drehs, die mit dem (im Verschwinden begriffenen) Material 16mm wesentlich komplizierter werden? Schaffen Sie es zum Beispiel, sich am Set Dailies anzusehen?
Auf jeden Fall, die lasse ich mir von den Labors schicken so schnell es geht, es gibt einen Projektor und eine kleine Leinwand. Eines der Appartements, das in „Mutual Appreciation“ vorkommt, war auch dasjenige, in dem der Kameramann, einer der Produzenten und ich damals wohnten und unser Office hatten. Das war der Ort, an dem wir uns auch die Aufnahmen des Tages ansahen.
War es eigentlich Ihre Entscheidung, „Mutual Appreciation“ Schwarzweiß zu drehen, oder hat sich da Ihr Kameramann einen Wunsch erfüllt?
Es war meine Entscheidung. Schwarzweißmaterial gibt einem gewisse Freiheiten. Wenn ich eine Sache am Set wirklich hasse, sind es die Scheinwerfer. Diese großen, heißen, schwergewichtigen Objekte, die allen nur im Weg sind und die Schauspieler einschüchtern. Meine Laiendarsteller sind ja nicht daran gewöhnt, vor Scheinwerfern zu stehen. Ich möchte also so wenig künstliche Beleuchtung haben wie möglich. Und wenn es ohne geht: umso besser.
Im Publikumsgespräch haben Sie gesagt, dass ihre Wahl des Schwarzweißmaterials auch damit zu tun hat, dass „Mutual Appreciation“ eine Komödie ist. Das müssen Sie erklären.
Ich glaube, Schwarzweiß birgt einfach eine große Deadpan-Qualität. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich dieser Film in Farbe anfühlen würde. Den Unterschied merkt man doch zum Beispiel an den Schwarzweißfilmen von Jim Jarmusch. Schwarzweiß hat eine immense komische Kraft! Hmm, ich spüre das zwar, aber ich kann es nur schwer ausdrücken …
Vielleicht liegt es auch daran, dass Schwarzweiß eine Situation aus der Zeit hebt, sie über die Zeit stellt? Was bleibt ist die freigestellte Komik des Moments.
Ja, das ist auf jeden Fall ein Aspekt! – Viele Leute lesen meine Entscheidung für Schwarzweiß in erster Linie als Referenz an die Filmgeschichte, an bestimmte Werke, Regisseure. Aber darum geht es mir nicht. Ich glaube ganz einfach, dass Schwarzweißfilm immer noch ein verlässliches, vitales Medium ist.
Gerade in den USA drehen fast alle so genannten Independent-Filmemacher inzwischen auf Video. 16mm wird da wohl, nicht zuletzt von potentiellen Geldgebern, als Luxus angesehen. Entschuldigen Sie die direkte Frage: Aber wie finanzieren Sie eigentlich Ihre Filme?
Auf konventionellem Weg hätte sich keiner meiner Filme finanzieren lassen. Nicht nur wegen 16mm, auch wegen der Drehbücher, der Tatsache, dass ich mit Laiendarstellern arbeite … Nein, in dieser Beziehung hatte ich einfach Glück. Es gibt private Investoren, die Vertrauen in meine Arbeit haben. Und im Fall von „Mutual Appreciation“ sind auch einige Stiftungsgelder ins Budget eingeflossen; Ich kann und will nur Geld akzeptieren, das keine Auflagen mit sich bringt, das mir keine Vorschriften macht. – Bis dato haben auch fast mein ganzes Team ohne Honorar gearbeitet, und ich bin mir durchaus bewusst, dass sich eine solche Arbeitsweise nicht lange durchhalten lässt.
Wenn Ihre Filme also quasi hausgemacht waren, wer hat sie dann ins Kino gebracht, haben Sie auch als Ihr eigener Verleiher agiert?
Im Fall von „Funny Ha Ha“ im Grunde schon, ein enthusiastischer Privatinvestor hat uns damals geholfen, ihn ins Kino zu bringen. Das alles war nicht einfach. „Mutual Appreciation“ startet in den USA im September 2006.
Sie sagen, es war schwer, die beiden Filme zu vermarkten. Für mich liegt ein gewisses Sträuben gegen die Ökonomie auch bereits in ihrem Wesen, und das meine ich durchaus positiv: „Mutual Appreciation“ besteht zum Beispiel vorwiegend aus Momenten, die das narrative Mainstream-Kino aussparen würde. Momente des Abwartens, Beobachtens, Überlegens, Zögerns. Es gibt Gesprächspausen und Zeit, die eben einfach so vergeht … Es stehen also Form und Inhalt per se schon in Opposition zu einer gängigen Ökonomie des Erzählkinos.
Klar, so kann man es sehen. – Ich habe das Gefühl, dass eine Kunstform immer wieder ihre eigene Relevanz unter Beweis stellen und sich so ihre Existenzberechtigung schaffen muss. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag der Ehrgeiz der Romanautoren darin, Romane zu schreiben, die sich nicht verfilmen ließen. Und ich sehe heute Parallelen im Verhältnis zwischen Filmen und der Marketingmaschinerie. Marketing hat sich das Wesen des Kinos einverleibt. Also arbeitet man für das Kino an sich, wenn man einen Film macht, von dem niemand weiß, wie man ihn vermarkten soll. Der sich gegen den Konsum sperrt. – Naja, klarer Weise ergibt sich aus dieser Art zu denken ein finanzielles Problem für die Macher der Filme. (grinst)
Und dennoch werden Ihren Filmen – vor allem von der Presse – immer wieder markttaugliche Labels umgehängt. Darunter mit großer Hartnäckigkeit vor allem eines: „Der neue John Cassavetes“. Geht ihnen der Vergleich schon auf die Nerven?
Ich liebe Cassavetes und verdanke ihm einiges. Dennoch stehe ich diesem Vergleich skeptisch gegenüber. Zunächst mal sind ja seine Filme ja viel besser als meine. Und sie zeugen von einem völlig anders gearteten Temperament, sie ringen in jeder Szene geradezu mit Emotionen.
Welchen Filmemacher oder Film würden Sie denn selbst als Referenz für „Mutual Appreciation“ nennen?
Da gibt es vor allem einen, auf den würde wahrscheinlich kein Kritiker je verfallen: „Ferris Bueller’s Day Off“ (John Hughes’ Highschool-Komödie „Ferris macht blau“ aus dem Jahr 1986, Anm.). Das ist ein unterhaltsamer Film mit einer wirklich interessanten Struktur: Der Film heißt nach Ferris, Matthew Brodericks Figur, und man glaubt natürlich, er wäre die Hauptfigur. Wenn man ihn sieht, merkt man aber, dass zwar Ferris derjenige ist, der ein Abenteuer erlebt. Aber im Grunde steht sein Freund Cameron, der sich im Lauf des Films verändert, im Mittelpunkt. Diese Konstellation hatte ich im Hinterkopf, als ich die Geschichte von Allen schrieb, die auf einer emotionalen Ebene vielleicht viel stärker die Geschichte von Ellie ist und von Lawrence (den Andrew Bujalski selbst spielt, Anm.).
* das Interview fand im Juni 2006 in einem Münchner Biergarten statt.
(Erschienen in gekürzter Form in Falter Viennale Special ‘06)
Siehe dazu auch: So f…ing for real
