In „Science of Sleep“ hat Michel Gondry sich den Abenteuerspielplatz seiner Träume geschaffen.

Michel Gondry hat offenbar seltsame Vorstellungen davon, was ein Kinofilm ist: Er baut kleine Guckkastenbühnen, in denen er seine Darsteller Gael GarcÃa Bernal und Charlotte Gainsbourg wie Marionetten hampeln lässt. Die Ausstattung besteht aus allerlei Tand, und gelegentlich packt er die Schauspieler in Katzenfellanzüge und lässt sie als niedlichste Band seit Auflösung der Moldy Peaches Velvet Underground-Songs nachspielen. In die Fragmente einer Handlung drängen sich immer wieder Vignetten filmischer Experimente, animiert durchs Zimmer hüpfende Plüschponies oder die von Gondry entwickelte „Spin-Art“ rotierender Farbkleckse. – Aber filmisch oder nicht, ist auch egal, denn hat man sich erst damit abgefunden, dass der von Gondry im Alleingang geschriebene „Science of Sleep“ so ganz anders funktioniert als die früheren, noch relativ stringent erzählten Komödien des Franzosen, „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ („Vergiss mein nicht“, 2004) oder „Human Nature“ (2001), deren Drehbücher gemeinsam mit Charly Kaufmann entstanden, kann man sich gemütlich im Sessel zurücklehnen und den ganzen Wirrwarr auf der Leinwand genießen. Oder sich hübsche Formulierungen einfallen lassen, wie der deutsche Kritiker Ekkehart Knörer, der schreibt: „Der neue Film ist ein Weichtier, ein flinker, sprunghafter, zu allem bereiter Mollusk aus Pappmache und Filz.“ Womit er völlig recht hat.
Die Geschichte, die sich durch „Science of Sleep“ tigert wie ein Ungetüm durch den Dschungel, handelt von einem jungen Mann, Stéphane (GarcÃa Bernal), der seit seiner Kindheit ein Problem hat: Er kann Traum- und Wachzustand nicht unterscheiden. Ganz nach Art der verschwurbelten Märchen eines E.T.A. Hoffmann kehren da die Kollegen aus dem Büro, die schöne Nachbarin (Gainsbourg) oder Gegenstände des Alltags als monströse Doppelgänger in der Traumwelt wieder. Oder es schleichen sich Traumapparate – wie Stéphanes selbst gebaute Sekundensprungmaschine – in die Wachwelt, bis wir zuletzt zwischen hier und dort gar nicht mehr unterscheiden können.
Wer die Dokumentation „I’ve been 12 forever“ über das Werken und Werden des Musikclip-Regisseurs Gondry auf der liebevoll gemachten Directors Label-DVD („The Work of Director Michel Gondry – A Collection of Music Videos, Short Films, Documentaries and Stories“) gesehen hat, wird Stéphane übrigens unschwer als Alter Ego desselben erkennen. Wie der Titel schon sagt, hat sich Gondry von jeher als Bewohner einer Zwischenwelt begriffen, zwischen Traum und Wachen, vor allem aber zwischen Buben- und Mannesdasein. In einer der reizendsten Szenen von „Science of Sleep“ liegt GarcÃa Bernal (aka Stéphane) in seinem viel zu klein gewordenen Kinderbett, auf einem Bunte-Autos-Polster und telefoniert mit Gainsbourg (aka Stéphanie), die er heimlich liebt. „Kannst Du einfach nur mit mir reden, so lange, bis ich einschlaf?“, fragt er. Und sie tut es, denn im Herzen ist auch sie ein romantisches zwölfjähriges Kind.
(erschienen in Falter 30/06)
siehe auch Vergessen vergessen , ein Vortrag zu Michel Gondrys “Eternal Sunshine of the Spotless Mind”.
siehe auch Kurzkritik zu “Dave Chappelle’s Block Party”.
[...] siehe auch: Für immer zwölf (zu Michel Gondrys “The Science of Sleep”) [...]