Der Mann mit der Spieldose

Traurig, klug und insgeheim politisch: In „Iklimler“ („Jahreszeiten“) inszeniert der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan sich selbst und seine Ehefrau als Liebespaar, das sich trennt.

iklimler
Ebru und Nuri Bilge Ceylan

Eine Frau, ein Mann, steinerne Säulen und ringsherum grillenzirpend ein Sommer. Sie blickt in die Ferne, das dunkle Haar fällt über die Schultern und eine Träne läuft über ihr Gesicht. Irgendwo der Flügelschlag von Vögeln, ein Hund der bellt, in was für einer Zeit sind wir hier eigentlich? Und welche Geschichte fängt so an?
„Iklimler“ („Jahreszeiten“) von Nuri Bilge Ceylan erzählt eine sehr alte, unzählige Male erzählte Geschichte: die von der großen Liebe, die irgendwann verloren geht. Ebenso gut wie im heutigen Istanbul zwischen einer Fernsehproduzentin und einem Professor für Kunstgeschichte könnte sie immer und überall spielen, Regisseur Ceylan weiß das, und fasst das Gesicht von Hauptdarstellerin Ebru Ceylan, die im wirklichen Leben seine Ehefrau ist, in eine Großaufnahme. Erst allmählich schiebt sich die Außenwelt wieder in die Wahrnehmung. Dies ist doch keine antike Tragödie. Ein Flugzeug rauscht vorbei, und der Mann im Hintergrund starrt konzentriert in den Sucher seines Fotoapparats.
Regisseur Nuri Bilge Ceylan, der auch die männliche Hauptrolle spielt, war und ist tatsächlich Fotograf: seine düsteren Wolkenbilder, die Ende der achtziger Jahre entstanden, seine dramatischen Frauenakte in Schwarzweiß, und, aktueller, seine Straßenszenen im Cinemascope-Format sind im Internet zu sehen (www.nuribilgeceylan.com/). Seit 1995 hat Ceylan vier Spielfilme gedreht, deren Tonfall, wie der seiner derzeitigen Fotografie, ein elegischer ist. Das vereinsamte, männliche Individuum war bereits Thema von „Uzak“ („Weit weg“), mit dem er vor drei Jahren in Cannes den großen Preis der Jury gewann. In „Iklimler“ spaltet sich nun die Verlorenheit in eine doppelte Perspektive: eine zerbrochene Beziehung hinterlässt zwei Dahintreibende. In atmosphärischen Episoden erzählt der Film von der Entfremdung während eines Urlaubs, inszeniert Mann und Frau im gleichen Hotelzimmer und doch in verschiedenen Räumen, wenn sie, die Jüngere, in Sonne und Wind auf dem Balkon steht, während er, auf dem Bett liegend, griesgrämig den Kopf in eine leere Schublade steckt, um seinen steifen Nacken zu kurieren.

Die erste Hälfte des Films folgt ihrem Blick, taucht in ihre Alpträume ein und macht so graduell Verletzungen verständlich. Nach der definitiven Trennung dreht sich die Perspektive um, und wir begleiten nun ihn: Dabei zeichnet Nuri Bilge Ceylan, der verknautscht und schlitzohrig als Double von Serge Gainsbourgh durchginge, sein filmisches Alter Ego alles andere als vorteilhaft. Kaum ist er seine Gefährtin los, steht er vor der Tür seiner Geliebten, der Partnerin eines Freundes, und probt als dominanter Liebhaber männliche Überlegenheitsszenarien.auch nichts.

Natürlich ist „Iklimler“ auch ein Film über das „Gesellschaftsklima“ und die Rollenbilder der Türkei: Wiederholt filmt Ceylan Blicke durch Fenster, von innen nach außen, wie man sie aus Melodramen kennt, wenn das Leben an unglücklichen Frauen vorbeizieht. Hier ist es allerdings der Mann, der, vom Leben abgeschnitten, von innen nach außen starrt. Er hat nie gelernt, Zuneigung, Leid und Wut auszuagieren und bleibt so gefangen in der eigenen Apathie. Sollte man diesen Film in einem einzigen Szenenbild erzählen, es zeigte Hauptdarsteller Ceylan, eine billige Spieldose in der Hand. Das kleine Kitschding, das „Für Elise“ spielt, wenn man an der Kurbel dreht, macht ihm Freude. Dass er das niemals zugibt, fordert Gesellschaft. Dass man die Freude trotzdem sieht, ist die Kunst dieses traurigen, schönen Films.

(Erschienen im Falter 10/07)

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