Die schöne Schüren-Reihe „Grundlagen des populären Films“ ist wieder um einen Band reicher. Diesmal: „Horror“.
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Den Herrn Seeßlen stellt man sich ja immer vor wie diese Altarschnitzer im 14. Jahrhundert. Die gaben auch ihren berühmten Namen für hunderte von Madonnen her, die tatsächlich von einer Horde Lehrlingen gemeißelt wurden. Wie sonst wäre erklärbar, dass Georg Seeßlen quasi Jahr für Jahr einen profund recherchierten Band zu auch nicht ganz artverwandten Themengebieten wie „Western“, „Thriller – Kino der Angst“, „Erotik“, „Abenteuer“, „Detektive“, „Copland“ (zu Police-Thrillern) oder „Science Fiction“ hervorschreibt („Gangster“ ist, wie man hört, bereits in Vorbereitung), Monographien zu David Lynch und Martin Scorsese, ein Starporträt zu Drew Barrymore. Und außerdem noch regelmäßige Feuilletonbeiträge für DIE ZEIT, die taz, die Frankfurter Rundschau, epd Film, Tagesspiegel, Jungle World und wer weiß, wen noch alles verfasst. Dieser Mann muss einfach viele sein.
Nun ist von Georg Seeßlen (wie einige frühere Bände der Schüren-Reihe „Grundlagen des populären Films“ auch, in Zusammenarbeit mit Fernand Jung) ein weiteres Kompendium, diesmal zum Thema „Horror“, erschienen. Mit 1135 Zählseiten ein wahrhaftiger Ziegel, dessen letzte 100 Seiten von einer umfassenden Bibliographie und einem, bei diesem Umfang notwendigen Filmtitelregister (samt Zusatzfilmografie mit deutschen und Original-Verleihtiteln) bespielt werden. Ein Regisseurs- und Namensregister geht unterdessen leider ab.
Über weite Teile ist „Horror“, wie schon frühere Bände der Reihe, deskriptiv: Geordnet zunächst chronologisch, später thematisch und innerhalb dieser Systematik nach Ländern und Regisseuren, finden sich in diesem Band Beschreibungen einer gigantischen Menge von A-, B- und C-Movies, die sachte durch die kontextelle, zeitgeschichtliche Analyse der Autoren verbunden sind. Dabei ist die Wahrnehmung des Teams Seeßlen/ Jung angenehm ausgewogen, mal wird das Genre als zyklisches Phänomen betrachtet, das auf die Ängste und Sehnsüchte seines Publikums reagiert (Endzeit-Stimmung am Ende des 20. Jahrhunders – siehe Kapitel Millennium Horror), mal werden Auteurs wie Dario Argento in ihrem hermetischen Werksystem untersucht, mal wiederkehrende Sujets (Der Werwolf) im Wandel der Filmgeschichte verfolgt oder generelle Haltungen wie die Zitierfreude und ironische Brechung in den Horrorfilmen der neunziger Jahre unter die Lupe genommen.
Georg Seeßlen |
Trotz logischer Einordnung in größere Kontexte, empfiehlt sich der Band allein ob der vielen Beschreibungen weniger zur Lektüre in einem Zug als zum kapitelweisen Konsum je nach momentaner Interessenslage. Wozu wiederum der Index wichtig ist. Interessiert man sich etwa für den deutschen Gore-Regisseur Jörg Buttgereit (der als Autor übrigens auch gerade einen sehr schönen Horror-Band „Japan – Die Monsterinsel“ herausgegeben hat), muss man natürlich erstmal einen seiner Filmtitel kennen, um ihn zu finden. N wie „Nekromantik“ führt uns auf Seite 802, wo man unter anderem erfährt: „Buttgereit lässt in seinem Film keine ironische Brechung, keine Abschweifung zu: Detailreich und konzentriert zeigt er Menschen, die Sex mit Leichen und Leichenteilen haben. (…) Etwas Verstörenderes kann man sich kaum vorstellen. Das Genre ist hier zu einem seiner verborgensten Zentren gelangt, und wie in allen diesen Zentren ist die gewohnte Ordnung der Gefühle vollständig aufgehoben. Wo an anderer Stelle der Schmerz und die Lust von einander nicht mehr zu trennen sind, so übermalen sich hier Zärtlichkeit und Grauen.“ Das ist natürlich schön beobachtet und formuliert, und wird durch eine geschwinde Zensurgeschichte Buttgereits in der BRD und ein Zitat des Meisters selbst komplettiert.
Natürlich hat Seeßlen/ Jungs „Horror“ auch seine blinden Stellen. Diese befinden sich meist außerhalb des bundesdeutschen und US-amerikanischen Kinos, in Asien etwa, das in diesem Band doch etwas kurz kommt (den wegweisenden „Kaidan“ und „Onibaba“ werden nur wenige Sätzen innerhalb des anderthalb-seitigen Kapitels „Geister aus Japan“ zuteil). Letztlich sind uns diese blinden Stellen aber eine Beruhigung, und Herr Seeßlen bleibt nur mehr wenig, aber ein wenig doch: unheimlich in seinem Output.
Georg Seeßlen, Fernand Jung: Horror. Grundlagen des populären Films. Marburg 2006 (Schüren), 1135 Seiten, 1000 Abbildungen, 45 Euro.
(Erschienen in Falter / Buchbeilage Herbst ‘06)

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