Vom Dachboden auf die DVD

Das Österreichische Filmmuseum veröffentlicht Erich von Stroheims Regiedebüt „Blind Husbands“ (1919/1921) im liebevollen Multi-Media-Paket.

Blind Husbands

„1982 übergab eine Privatperson dem österreichischen Filmmuseum fünf Rollen eines Spielfilms, der auf einem Dachboden aufgefunden wurde.“ – Was im Voice Over als veritabler Archivkrimi beginnt, weitet sich bald zum kritischen Vergleich zweier Filmfassungen. In ihrer sehr schön klaren Videodokumentation stellen Michael Loebenstein und Georg Wasner, beide Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums, die bis dato kanonisierte US-Fassung von Erich von Stroheims Regiedebüt „Blind Husbands“ (produziert 1919, erneut überarbeitet 1924) der auf dieser DVD enthaltenen, wieder aufgefundenen Wiener Version (Verleihtitel: „Die Rache der Berge“, ca. 1921) gegenüber. Am digitalen Schneidetisch verliert die Archivarbeit ihre Abstraktheit, nicht länger sind die sieben Minuten oder 162 Filmmeter, um die die vorliegende Version länger ist, bloß eine Zahl: In der Split-Screen-Vorführung signifikanter Szenen wird sichtbar, wie nachträgliche Straffungen, die Umstellung einzelner Einstellungen und die Viragierung (Einfärbung der Kopie) die Wirkung ganzer Szenen beeinflussen.

Mit „Blind Husbands“ steuert das österreichische Filmmuseum nach Dziga Vertovs „Entuziazm“ nun einen weiteren Titel zur Edition Filmmuseum bei, jener anspruchsvollen Publikationsreihe deutschsprachiger Archive, die jeden Film in eine Fülle von Material bettet: In diesem Fall begleitet das Main Feature ein gedrucktes Büchlein mit einem Aufsatz der Wiener Filmwissenschaftlerin Alexandra Seibel, sowie eine Reihe virtueller Factsheets, Tabellen und kompletter wissenschaftlicher Veröffentlichungen auf dem PC- und Mac-kompatiblen DVD-Rom-Teil. In Kombination mit Wochenschau-Ausschnitten und der erwähnten, hausgemachten Doku also ein kleines Multimedia-Kompendium, zum Preis einer gewöhnlichen DVD.

Der Film selbst, der hier erstmals in der einzig erhaltenen deutschen Titelfassung (und nach derzeitigem Wissensstand ältesten und vollständigsten Version) vorliegt, besticht noch heute durch seinen subversiven Humor. Der 1910 von Wien in die USA emigrierte Erich von Stroheim war dem amerikanischen Publikum nach dem Krieg vor allem als Darsteller des „evil German“ in anti-deutschen Propagandafilmen bekannt. In ironischer Anlehnung an dieses Stereotyp mag er sich in seiner ersten Regiearbeit selbst als Leutnant Eric von Steuben besetzt haben, „ein Hochstapler, der“, laut Zwischentitel, „die Offiziersuniform benützt, um so leichter seine Gaunereien ausführen zu können.“ Während einer Kutschfahrt in die Sommerfrische flirtet von Steuben, ungeachtet der Anwesenheit des Gemahls, mit einer amerikanischen Arztgattin: Die lüsternen Blicke, die Darsteller Stroheim dabei durch sein Monokel wirft, greift Regisseur Stroheim in kreisrunden Irisblenden auf, nur um schließlich die Form des Kreises an sich als Täuschung zu enttarnen: Beim „guten, alten Mond“ beteuert Steuben gleich zwei Frauen seine Liebe. Wo doch schon Shakespeare wusste, dass man „beim Mond, dem wandelbaren“ nicht schwört.
Diese Lust an der Geometrie setzt sich in der Inszenierung des eigenen Körpers fort: Ein albernes, konisches Uniformhütchen verlängert Steubens Gestalt und schickt sie, aufgerüstet mit Gehstock und Zigarre, als eine Art Fetisch-Karikatur ins Rennen.

Für österreichische Zuseher ist aber auch die Darstellung der alpinen Idylle, in der die Beziehungskomödie spielt, nicht ohne Komik: Österreichische Postkutschen fahren hier durch (Studio-)Dörfchen mit italienischen Namen, und am Wegesrand bietet man Oberammergauer Holzschnitzhandwerk feil. Ganz bestimmt keine Ungenauigkeit des als Pedant verschrienen Stroheim, eher schon ein bewusstes Europakonzentrat, das sich dem prüden Amerika als erotische Utopie aufdrängt. „The Pinnacle“, der Gipfel, war schließlich auch der zweideutige Titel, den Stroheim selbst für den Film gewählt hatte, und den der Produzent zu seinem Ärger ersetzte. Von diesem Eingriff abgesehen, gilt jedoch „Blind Husbands“ als das einzige Werk des „stürmischen Individualisten Stroheim“ (Kenneth Anger), das es in der Schnittversion des Regisseurs ins Kino – und nun in einer dieser zumindest nahen Version auch auf DVD geschafft hat.

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“Blind Husbands” USA 1919/1921, 99 Minuten, Farbe, dt. Zwischentitel (engl. Untertitel optional); Musikbegleitung von Günter A. Buchwald (Dolby Digital 2.0); 20seitiges Booklet, DVD-ROM-Bereich (PC + Macintosh) mit zahlreichen Dokumenten / All regions, PAL, 4:3
Erhältlich im Shop des Österreichischen Filmmuseums oder online unter www.edition-filmmuseum.de für € 19.90 zuzüglich Porto.

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