In Jafar Panahis kluger Komödie „Offside” („Abseits”), weitete sich ein iranisches Fußballstadion zur Welt, in der Frauen nicht zugelassen sind.
Jafar Panahis Filme tragen den Alltag immer zuerst als Geräusch ins Kino. Während auf schwarzer Leinwand die Vorspanntitel laufen, hört man bereits Stimmen, Verkehrsgedröhn, gleitet langsam in die Situation und ist dann plötzlich mitten drin. Das Geschehen ist immer schon da, noch vor den Bildern, und auch nach ihnen. Ein slice of life von den Straßen des Iran. Auch die 2005 anlässlich des WM-Ausscheidungsspiels Iran gegen Bahrain in kürzester Zeit auf Video gedrehte Komödie „Offside” führt uns auf diese Weise hinüber, vom Alltagsgeräusch des Teheraner Verkehrs zu dokumentarischen Aufnahmen von jubelnden Fans, die in Autos und Bussen Richtung Stadium strömen. Die Spielfilmhandlung setzt in einem Taxi ein, mit einem graubärtigen Herrn, der aufgeregt in den Bussen nach seiner Tochter Ausschau hält und deren Plan, sich in Männerkleidung in das für Frauen verbotene Stadium zu schmuggeln, vereiteln will. Wenig später wechselt die Handkamera Fahrzeug und Erzählperspektive: Die als Objekt eingeführte, junge Frau, wird ab sofort zum handelnden Subjekt. Die Haare unter einer Baseballkappe, die Wangen in den Nationalfarben bemalt, fährt sie im Bus dem Stadion entgegen. Dort angekommen hält die Kamera den rund zwanzigminütigen Spießrutenlauf der Laiendarstellerin fest: Die Schwierigkeit mit heller Stimme ein Ticket zu kaufen, die ängstlichen Blicke nach dem patrouillierenden Militär.
Während dieser semidokumentarischen, tatsächlich am Rande des Spiels gedrehten Sequenz bleibt uns genügend Zeit, parallel alle Möglichkeiten, Tricks und Schlupflöcher auszuloten, nur, um uns spätestens angesichts einer Leibesvisitationen einzugestehen, dass es dem weiblichen Körper hier kaum möglich ist, männliche Kontrollmechanismen zu unterlaufen. Gemeinsam mit anderen renitenten Frauen landet unsere Hauptfigur im „Abseits” eines Militärgewahrsams, von wo der Film als debattenreiches Kammerspiel in seine zweite Halbzeit geht.
Wenn der 45jährige Jafar Panahi in der Presse mit anderen Regisseuren verglichen wird, dann meistens mit dem Minimalisten Abbas Kiarostami bei dem er als Regieassistent in die Lehre ging; Oder mit den italienischen Neorealisten, die ihre „einfachen” Geschichten ebenfalls mit Laien besetzten. Tatsächlich verweist die Art, wie Panahis Filme dem Alltag begegnen aber auch auf jene Komiker, die das Leben als Planspiel begreifen, auf Jacques Tati oder Roberto Benigni, deren Filme die Realität als tragikomischen Hürdenlauf wider die Verhältnisse präsentieren. Von Planspielen, Hürdenläufen erzählt auch Panahi, etwa in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, „White Balloon” („Badkonake Sefid”, 1995), in dem zwei arme Kinder vom Straßenmob in einer perfiden Verkettung der Ereignisse um ihren einzigen Geldschein betrogen werden. „The Circle” („Dayereh”, 2000) stellt Frauenschicksale in Teheran, mit der Geburt eines Mädchens einsetzend, als eine Art kreisförmigen Stafettenlauf dar, den müßigen Versuch, dem „Fluch” des eigenen Geschlechtes zu entkommen. „Talaye Sorgh” („Crimson Gold”, 2003) übt unterdessen Gesellschaftskritik, indem er – von einem Raubüberfall ausgehend – das Leben des Räubers als Kette der Demütigungen aufrollt und so den Amoklauf verständlich macht. „Offside” erscheint unterdessen durch die Ankündigung als Komödie zu Unrecht harmlos. Was den Humor als Werkzeug betrifft steht er „La Vita è Bella” nahe – Benignis Holocaust-Komödie, in der das Lachen keineswegs dazu angetan ist, das Gewicht der Situation zu mindern. Wo Unterdrückung herrscht, ist eine Möglichkeit, die Unterdrücker anzuklagen; eine andere, unter Umständen konstruktivere – mit den subversiven Akten der Unterdrückten zu sympathisieren. Bei Panahi jedenfalls ist jeder Witz, jede Pointe eine Bekundung genau dieser Sympathie.
(erschienen in Falter 22/06)