Matschiger Sound, unscharfes Bild

Das Gartenbaukino zollt dem kürzlich verstorbenen Großmeister des produktiven Formfehlers, Robert Altman, sein Tribut.

robert altman_sarasota

In einem seiner letzten Interviews, im Sommer 2006, wurde Robert Altman gefragt, warum sein Film „A Prairie Home Companion“ eigentlich so deprimierend sei. „Nun ja“, antwortete er, „es ist eben ein Film über den Tod, und ob man ihn deprimierend findet oder nicht, hängt davon ab, was man vom Sterben hält. Ich persönlich bin jedenfalls der Ansicht: Wer über den Tod nicht lachen kann, hat im Leben nichts verloren.“
In gewisser Weise muss Altman gewusst haben, wovon er sprach. Als man ihm im Frühjahr desselben Jahres den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk überreichte, nutzte er die Dankesrede für eine, in diesem Kontext bizarr anmutende Enthüllung: Nach elf Jahren machte er öffentlich, dass er bereits 1995 ein neues Herz eingepflanzt bekommen habe, das Herz einer jungen Frau. „Vielleicht“, scherzte Altman, „kommt der Preis also etwas voreilig, denn nach meiner Rechnung habe ich noch gut vierzig Jahre zu leben.“
Tatsächlich sollte „A Prairie Home Companion“ jedoch Altmans letzte Regiearbeit bleiben: Am 20. November letzten Jahres starb der Mann mit dem weißen Spitzbärtchen nach 81 Lebensjahren und etwa ebenso vielen Filmen in Los Angeles an Krebs.

Schön, dass ihm nun gerade das Wiener Gartenbaukino eine zwölf Filme umfassende Hommage widmet, denn mit seinem leicht abgewetzten Charme scheint dieser Ort so ganz passend für die nie richtig schicken (nein: auch nicht die Laufstegkomödie „Prêt-à-Porter“), nie wirklich zeitgeistigen (nicht mal das Richard Lester-Imitat „Brewster McCloud“) Filme, die dennoch Hollywoods Standards des filmischen Erzählens neu definierten: Man denke nur an „Short Cuts“ als Prototypen für unzählige Querschnitts- und Ensemblefilme.
In der Programmankündigung des Gartenbaukinos wird Altman vor allem als „Chronist“ und „realistischer Erzähler“ Amerikas gewürdigt, und entsprechend liegt der Schwerpunkt der Auswahl bei jenen Milieubeobachtungen wie „Nashville“ oder „Short Cuts“, mit denen man ihn zuvorderst assoziiert.

McCabe & Mrs Miller

Das eigenartigste und schönste unter diesen ist „McCabe & Mrs. Miller“, in dem Warren Beatty im fluffigen Zuhälter-Pelz den Western-Mythos des einsamen Cowboys durch den (im Grunde nicht weniger machoiden) Mythos des Bordellbesitzers mit Herz ersetzt. Ein geheimnisvoller, schweigsamer Held, der keinen Revolver, dafür jedoch einen Hippie-Vollbart trägt, und insgeheim die schöne Hure Mrs. Miller (Julie Christie) liebt. Im Entstehungsjahr 1971 befand sich Beatty (nach dem Erfolg von „Bonnie & Clyde“) gerade auf Höhenflug, und machte Altman nicht nur am Set den Job zur Hölle. Laut Peter Biskind, dem Chronisten des New Hollywood („Easy Riders, Raging Bulls“), soll er nach der ersten Rohschnittsichtung getobt haben. Der Grund: Altmans „matschiger“ Sound, der Beattys Bass im allgemeinen Gemurmel untergehen ließ.
Tatsächlich ist der Ton nach konventionellen Gesichtspunkten eine Katastrophe: Dialoge überlappen sich, Worte verschwimmen, allein die Stimme Leonard Cohens, dessen Songs in elegischer Zeitlosigkeit die Schnee- und Schlammwüsten des kolonialen Amerikas überlagern, ist frei gestellt und wirkt so geradezu kristallin: „It’s you my love, who is the stranger.“

Aber – Altmans Chaos hat System: So wie der Ton die Dynamik eines Kollektivs der individuellen Interaktion gleichstellt, ja ersterer gelegentlich sogar den Vorzug gibt, betont auch die Kamera mit ihren Reißschwenks und plötzlichen Zooms die Zufälligkeit ihrer Auswahl, frei nach dem Motto: „Mag dieser unser Held sein.“
Unter dem Einfluss des Cinéma Vérité ermöglichte diese Technik Altman am Set, eine Gruppe von Schauspielern in der Totale agieren zu lassen, und dabei ohne deren Wissen zoomend immer wieder Gesichter in Großaufnahmen herauszugreifen. Die Fokus-Unschärfen, die diese dokumentarische Technik mit sich brachte, wurden nach und nach zu einem weiteren Markenzeichen seines Stils.

Die Militärfarce „M*A*S*H“ mit der Altman 1970, auf dem Höhepunkt der Vietnamkriegs-Proteste, der Durchbruch gelang, ist voll von solchen willkürlichen Unzulänglichkeiten: Und gerade in diesem Film – der die alberne Verrohung einer Truppe am Schauplatz eines sinnlosen Krieges zeigt – gehen inhaltliches und formales Chaos Hand in Hand.

Schade, dass in der Gartenbau-Ensemble-Zusammenstellung „Gosford Park“ fehlt, jenes Herrenhausdrama, in dem Altman 2001 seine Technik zur Vollendung brachte. Gut und gerne hätte man dafür auf die halblustige Zwei-Stunden-Cameo-Sammlung von „Prêt-à-Porter“ (1994) verzichten können.

images

Schon klar, ein Tribute ist keine Werkschau, ein Ereignis wäre bei dieser Gelegenheit dennoch „Images“ („Spiegelungen“), ein nahezu unbekannter und der subjektiv wunderbarste Film Altmans auf Großleinwand gewesen: Dieser Psychothriller aus dem Jahr 1972 inszeniert einen Fall von Schizophrenie als surreales Crescendo, und nimmt dabei Momente vorweg, die Jahre später in rubber-reality-Filmen wie „Vanilla Sky“ oder „Mullholland Drive“ wieder auftauchen: das Gesicht des geliebten Menschen, das im Kuss ein fremdes wird, Doppelgängererscheinungen und nur vielleicht begangene Morde in der Scheinidylle eines wohlhabenden Umfelds. Ein (Alp-)Traum von einem Film – bis auf weiteres leider nur in ausgewählten Videotheken.

Gezeigt wird dafür eine ganz andere Ausnahmeerscheinung im Oevre Altmans: Die durchgeknallte Komödie „Brewster McCloud“, die Bud Cort ein Jahr vor seiner Lebensrolle als Harold in Hal Ashbys „Harold and Maude“, ebenfalls als käsegesichtigen Sonderling besetzt. Seine Schrulle in diesem Fall ist der Glaube, ein Vogel zu sein. In ihrer völligen Absurdität besitzen Eingangs- und Schlusssequenz gewisse Größe – dazwischen liegt schwerverdaulicher Klamauk und das Kinodebüt von Shelley Duvall, die den Vogelmann mit fedrigen Kunstwimpern und gerecktem Kranichhals zunächst in den Liebesrausch und zuletzt in den – wer hätte es anders erwartet: tragikomischen – Tod treibt.

(Erschienen in Falter 04/07)

siehe auch: “A Prairie Home Companion”

siehe auch: “Gosford Park”

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