Die US-Independents „Old Joy” und „Mutual Appreciation” schöpfen ihre Kraft aus der Reduktion. Und besinnen sich zugleich auf die gute alte Jarmusch-Tradition des Musiker-Castings.
„Mutual Appreciation” bedeutet so viel wie „gegenseitige Wertschätzung”. Andrew Bujalskis Filmtitel bezieht sich auf ein Dreiecksverhältnis, das sich zwischen dem Musiker Alan (Justin Rice, der aussieht und klingt wie ein Crossover aus Adam Green und Bob Dylan), dem Mädchen Ellie (Rachel Clift) und deren von Bujalski selbst gespieltem Partner, dem etwas lethargischen Literaturdozenten Lawrence, anbahnt. Die drei mögen sich, können nächtelang bei einer Flasche Wein über Alles und Nichts reden, und versuchen die dabei aufkeimende, erotische Anziehung zwischen Allan und Ellie in charmant-unbeholfenen Gesprächen zu rationalisieren.
Im übertragenen Sinn spricht der Titel aber auch von jener Wertschätzung, die in den Filmen Bujalskis für andere Kunstformen, für Performance, Literatur und vor allem für Musik zum Ausdruck kommt. Justin Rice, an Bujalskis Debüt „Funny Ha Ha” (2002) als Tonmann und Nebendarsteller beteiligt, spielt hier sein musikalisches Alter Ego, das – vielleicht in Anspielung auf seine real-life-Band Bishop Allen – auch Allen heißt. „Mutual Appreciation” begleitet nun Allen/Justin auf einer schlendernden Bewegung durch die Clubs und Venues, Übungskeller und College-Radiostationen, wobei es en passant ein paar musikalische Einlagen gibt.
Auch Kelly Reichardt hat in ihrer Elegie „Old Joy” einen Musiker besetzt: Der blondbärtige Neo-Folk-Sänger und -Komponist Will Oldham, der sich unter Namen wie Bonnie „Prince” Billy zuletzt immer wieder neu erfunden hat, musiziert allerdings bei Reichardt nicht vor der Kamera. Vielmehr verkörpert er einen Kiffer namens Kurt, dessen Abhängerlebensstil mit über Dreißig seine Leichtigkeit verloren hat. Gemeinsam mit seinem alten Schulfreund Mark (Daniel London), der demnächst Vater wird, begibt sich Kurt auf einen Campingtrip in die Berge Oregons: Ein melancholischer Versuch, das Lebensgefühl der Highschooltage wiederzubeleben.
Reichardt setzt Oldham, der 1999 die Musik zu ihrem Spielfilmdebüt „Ode” beisteuerte, diesmal dezidiert als Darsteller, nicht als Musiker ein – beides zu vermischen, erklärt sie in Gesprächen, wäre bei seiner Bekanntheit kontraproduktiv. Der sehr behutsame Soundtrack stammt also diesmal von Yo la Tengo.
Wie Bujalski dreht auch Reichardt mit Vorliebe ohne künstliches Licht und mit bewusst kleinem Team. Zu diesem gehörte übrigens auch ihr Hund, der am Set Gefallen an dem struppigen Oldham fand und, nachdem er ohnehin ständig im Bild war, als dritte „Person” in die Handlung integriert wurde. Die Grenzen zwischen Improvisation und Drehbuch scheinen bei Reichardt fließend, umso gewaltiger brechen die Pointen immer wieder aus dem Moment: „Ich hab mich noch nie in irgendwas reingeritten, aus dem’s keine Zurück mehr gab.”, sagt Oldham/Kurt einmal zu Mark: „Having a kid is so fucking for real.”
In seiner Grundidee – dem Nostalgietrip zweier Jugendfreunde – wirkt „Old Joy” ein bisschen wie ein „Sideways” für Um-die-Dreißig-jährige. Und kündet wie dieser im Subtext von der Krise liberaler Werte im Amerika von G.W. Bush: Wo in „Sideways” ein roter Saab gegen einen Baum gesetzt wird, fährt in „Old Joy” der linke Lifestyle in Form eines Volvo Kombis im Kreis.
In diesem Sinn wirken auch die immer wieder eingestreuten Naturaufnahmen, die Amsel im regennassen Laub, die Nacktschnecke am Boden, wie ein böser Kommentar zur neo-biedermeierlichen Introspektion jener Generation, für die die Platten von R.E.M., die Filme von Jim Jarmusch, und was die College-Radios in den 80er Jahren sonst noch so propagierten, vielleicht doch eher eine Frage des Stils, als eine Frage der Haltung waren.
(erschienen in Falter/ Viennale Special ‘06)
Siehe dazu auch: Die komische Kraft von Schwarzweiß (Interview mit Andrew Bujalski)