„Black Box BRD” – Der Titel von Andres Veiels Dokumentarfilm aus dem Jahr 2001 würde auch auf seine neue Arbeit passen: „Der Kick” spielt in einer Art „Black Box”, einer großen, im Halbdunkeln liegenden Säulenhalle. In ihr ein Schauspieler (Markus Lerch) und eine Schauspielerin (Susanne-Marie Wrage), ebenfalls dunkel gekleidet, deren auffallend hellblondes Haar aufzublenden scheint, wenn sich ein Spotlight auf sie richtet. Blonder als blond – das ist sicher kein Zufall, besteht doch der Text, den die beiden abwechselnd, in verschiedene Rollen vortragen, aus den Protokollen eines Mordprozesses, in dem drei deutschnational gesinnte Jugendliche verurteilt wurden, weil sie einen Kameraden zu Tode getreten hatten.
Als Film folgte „Der Kick” einem Theaterstück, das Veiel gemeinsam mit Gesine Schmidt geschrieben und am Berliner Maxim Gorki Theater inszeniert hatte. Und im Kino wird das theatrale Moment noch betont, durch die Künstlichkeit des Lichts, die Unbeweglichkeit der Kamera, die in langsamer Schnittfolge zwischen starren Totalen und Halbnahen wechselt, durch das bleiche Make-Up der beiden Darsteller. Es geht um den Text, das, was die Eltern, die Täter selbst, die Freundinnen aus dem kleinen uckermarkischen Ort Potzlow zu dem Vorgefallenen zu sagen haben und die stückweise Rekonstruktion eines scheinbar sinn- und zentrumslosen Alltags.
Unter den deutschen Filmemachern ist Veiel der Chronist des Davor und Danach: In seinem Dokumentarfilm „Die Überlebenden” (1996) näherte er sich drei Jugendlichen, die in den siebziger Jahren Freitod begangen hatten, über die Erinnerung derer, die ihnen nahe gestanden waren, in „Black Box BRD” stellte er 2001 die Biografien des RAF-Terroristen Wolfgang Grams und des ermordeten Bankiers Alfred Herrhausen einander gegenüber, mit dem Tod als gemeinsamen Angelpunkt, in „Die Spielwütigen” begleitete er eine Handvoll Schauspielschüler an der Renommier-Akademie Ernst Busch auf dem Weg zum ersehnten Durchbruch, aber nur bis kurz vor das Ziel. In „Der Kick” interessiert ihn nun wiederum weniger der spektakuläre Moment der Tat an sich, als der Versuch, der Beteiligten, der Nachbarn, Freunde und Verwandten, dem Unvorstellbaren im Nachhinein verbal beizukommen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Was natürlich nicht gelingt.
Ein inszenatorisches Verwandtschaftsverhältnis besteht dabei eher zu Romuald Karmarkars „Himmler Projekt” (2001), in dem Manfred Zapatka eine Rede Heinrich Himmlers vor einer grauen Wand stehend verlas, als zum Brecht’schen Verfremdungskino eines Lars von Trier. „Der Kick” will wohl geradezu zwingend unfilmisch sein, denn filmisch war schon der Akt selbst: Als der 16-jährige Marcel seinen Freund Marinus „in einen Bordstein beißen ließ”, um ihm dann von hinten auf den Kopf zu springen, imitierte er nach eigener Aussage eine Szene aus „American History X”, einem Spielfilm, dessen Botschaft sich gegen Gewalt wandte.
(erschienen in Falter/ Viennale-Special ‘06)
siehe auch: “Alles dürfen, ist nicht Freiheit” (Andres Veiel über “Die Spielwütigen”)
[...] siehe auch: Prozess in der Black Box (zu Andres Veiels Film “Der Kick”) [...]